Eine Eigenproduktion der Theater AG des Spohn-Gymnasiums

Zum Stück:

Da sind wir also am 22.12.2012 einfach so aufgewacht und dachten: „Mist, den Weltuntergang schon wieder verschlafen. Aber das war doch eigentlich klar.“
Für diesen doch vorhersehbaren Fall hat sich die Theater AG des Spohn-Gymnasiums ein Stück ausgedacht, in dem die Apokalypse vielleicht nicht in letzter Konsequenz durchexerziert wird, sondern jede beteiligte Figur eher mit ihrem eigenen Untergang bzw. mit ihrer eigenen kleinen Schuld am großen, möglichen Untergang konfrontiert wird.

Jeder verkörpert durch seine Verfehlungen eine der sieben Todsünden und versucht tatkräftig, einen Grund zu liefern, dem allen hier ein Ende zu bereiten.

Da knirscht es im persönlichen Gebälk eines 13-köpfigen Ensembles, das sich in verschiedenen Konstellationen immer wieder über den Weg läuft und dabei den Eindruck vermittelt, dass es so tatsächlich nicht weitergehen kann: die gelangweilte Neureiche, welche buchstäblich nach Ventilen sucht, um ihren latenten Rassismus ausleben zu können; der korrupte Polizist, welcher seine Autorität dazu ausnützt, um seine Triebe zu befriedigen, aber eben auch seiner drogenabhängigen Schwester helfen will; die Versicherungsangestellte, welche in ihren Vorschriften gefangen ist und dann eben auch einmal einen über die Klinge springen lassen muss, wenn die Versicherungspolice eine Entziehungskur eben nicht abdeckt; die Kleinfamilie, deren Tochter scheinbar auf die schiefe Bahn gerät und dann Hilfe bei einem Pfarrer sucht, der ihr mehr als das Seelenheil biete; das Gangsterpärchen, welchem das Wasser schon bis zum Hals steht und genau deshalb noch alles mitnehmen will; die erfolgreiche Anwältin, welche einem gerne hilft, wenn das Honorar stimmt, einem ansonsten jedoch die Tür weist.

Alle rufen eine geheimnisvolle Gesellschaft für den Untergang auf den Plan, deren vordergründige Absicht, den Menschen mit fragwürdigen Methoden zur Besserung zu bewegen, ein Resultat bewirkt, das uns wünschen lässt, den Weltuntergang doch nicht verschlafen zu haben.

 Das Schuljahr 2012 / 2013 war für die Theater AG ein besonderes. Zum einen ging sie nach einer längeren Pause um die Jahrtausendwende in ihre zehnte Spielzeit, sollte also ein nicht beachtetes Jubiläum feiern, zum anderen wusste sie (wie jedes Jahr) einmal wieder nicht, ob sie ihren (runden) Geburtstag überhaupt erleben sollte. Galt es nicht wieder einmal ein Stück zu inszenieren, das es noch gar nicht gab? Musste man nicht wieder mit der Ungewissheit leben, dass die einzelnen Ideen evtl. gar kein großes Ganzes ergeben könnten. Viel schwerwiegender war jedoch der Gedanke, dieses Ziel überhaupt nicht erreichen zu können, denn…war da nicht etwas? Genau, den Aufführungstermin konnte man eigentlich nicht erleben, da er jenseits des allgemein erwarteten Weltuntergangs lag, jenseits des 21.12.2012. War da nicht jegliche Anstrengung und Mühe vergebens, vanitas mundi zum Greifen nahe? Was lag also näher, als aus der Not eine Tugend zu machen und eben jenen unvermeidlichen Weltuntergang zum Gegenstand der bereits im Jenseits liegenden Aufführung zu machen? Auf dieses Thema konnte sich die Gruppe schnell einigen, auch die Ideen sprudelten: Zusammenbrechen von Kommunikation und staatlicher Ordnung, Mangel am Notwendigen, das Recht des Stärkeren und der Kampf ums nackte Überleben, einstürzende Neubauten und aufreißende Erdspalten. Da der Intendant des Ravensburger Theaters zu Letzterem seinen Tanzboden doch nicht hergeben würde, musste aber eine andere Lösung gefunden werden, eine kleinere, eine menschlichere, eine zwischenmenschliche.

Wie sieht also der persönliche Weltuntergang aus, was könnte der Einzelne verbrechen, um Situationen entstehen zu lassen, die uns die Gewissheit näher bringen, dass es so eben nicht weitergehen kann? Um diese Frage zu beantworten, entstanden zunächst unterschiedliche, teilweise bewusst klischeehafte Figuren, deren charakterlicher Fehler zu Eskalationen auf eben zwischenmenschlicher Ebene führt. Nahezu jede Person sollte im Zuschauer, ganz nach Brecht, den Gedanken auslösen:

„So darf man es nicht machen. ‑ Das ist höchst auffällig, fast nicht zu glauben. ‑ Das muss aufhören. ‑ Das Leid dieses Menschen erschüttert mich, weil es doch einen Ausweg für ihn gäbe“.

Und dann passte auch plötzlich eine Idee aus der anfänglichen Ideenquelle, nämlich die Sieben Todsünden: Superbia – Stolz, Avaritia – Geiz, Luxuria – Wolllust, Ira – Zorn, Gula –Völlerei, Invidia – Neid, Acedia  - Trägheit. Der langsam wachsende Reigen hatte nun das Ziel, diese menschlichen Hauptlaster in verschiedenen Begegnungen in Szene zu setzen.

Um in diesen teilweise erratischen Konstellationen den roten Faden nicht zu verlieren, erwuchs schließlich noch eine dramaturgische Klammer. Wem außer der großen kosmischen Gerechtigkeit nützt denn so ein Weltuntergang, bzw. wer kann im Vorfeld daraus Gewinn schlagen? Da muss man nicht die Offenbarung des Johannes lesen. Viele Sekten gründen ihr Selbstverständnis auf dem bevorstehenden Ende, auf das sie ihre Anhänger vorbereiten. „Die Gesellschaft (zur Verhinderung) des Weltuntergangs“ ging also davon aus, dass es ein Leichtes sei, gewöhnliche Menschen vom sich abzeichnenden Tag der Abrechnung zu überzeugen, dem man nur dann entkommen kann, wenn man sich ihrer Organisation anschließt. Grundlage für das angekündigte Ende ist tatsächlich die Lasterhaftigkeit der Menschen, derer man sich bewusst werden und die man dann überwinden möge. Was die Sekte letztendlich will, wird nie ganz klar, ist für diese Art Organisation jedoch nicht ganz ungewöhnlich. Letztendlich geht es darum, den Mensch von seiner Fehlerhaftigkeit zu überzeugen, dies in einen größeren, wirklich kosmischen(?), Zusammenhang zu stellen, woraus ihm nur der neue Glaube retten kann. Na ja, sie wollen wohl doch nur unsere Seele, zumindest unser Geld.

Am Schreibtisch sowie über sowohl freie als auch gesteuerte Improvisationen und Theaterübungen entstanden zahlreiche Szenen, die oft verworfen, nicht selten dann jedoch auch wiederholbar und verschriftlicht wurden und für den bevorstehenden Weltuntergang und somit die Nachwelt erhalten blieben.

Und plötzlich, inmitten der allgemeinen Probenphase, oder sagen wir eher in der Mitte des Schuljahres, wachte man eines Morgens auf und hatte  zumindest die große kosmische Abrechnung verpasst. War der prophezeite Weltuntergang tatsächlich schon wieder ausgefallen. Gut, dass man den theatralischen wenigstens noch im Petto hatte, und der sollte nun endgültig auf Mai 2013 festgelegt werden.

Die Festlegung einer Schultheateraufführung Monate im Voraus vermittelt dem Verantwortlichen in diesem Zusammenhang durchaus das Gefühl eines bevorstehenden Untergangs. Das Stück existiert noch nicht einmal, aber der Termin wird schon unwiderruflich im Programmheft abgedruckt. Da wünscht man sich doch wirklich manchmal eine höhere Instanz, die einem zumindest die Welt untergehen lässt, damit ein kleines Scheitern nicht ganz so auffällt. Obwohl man als Spielleiter diese Befürchtungen oft hegt, ist es dann doch immer wieder faszinierend, zu welcher Energieleistung und zu welcher Motivation alle Beteiligten, also insbesondere die Schülerinnen und Schüler, fähig sind, wenn es dann gilt, die Theaterwelt zu retten. Einen ungewohnten Beistand erfuhr die Theater AG in diesem Jahr im Kloster Ochsenhausen, wo dem Stück der vorletzte dramaturgische Schliff verliehen wurde. Gegen Ende einer sehr intensiven Probenzeit verfügte die Gruppe dann sogar über einen Überschuss an Szenen, sodass die eine oder andere wieder gestrichen werden musste.

Und schließlich nach dem letzten durchprobten Wochenende erfolge im Theater Ravensburg endlich der lang ersehnte Tag der Abrechnung… und begann mit einer Publikumsansprache vor dem Vorhang: Die Zuschauer sollten sich gleich einmal in die Problematik hineinversetzen und sich vor dem bevorstehenden Untergang einmal selbst fragen, wie oft sie schon „die Katze des Nachbarn über den Zaun getreten“ hätten oder welche Leichen es sonst noch im Keller zu finden gebe.

In einer anschließenden Szenenkaskade etablierte das Bühnenpersonal sich selbst und besonders seine Laster. Dass das Publikum nicht jedem sofort folgen und nicht jede Todsünde sofort wahrnehmen konnte, mag für den einen oder anderen tatsächlich verstörend gewesen sein, mag den Zuschauer auf Distanz zu den Figuren gehen lassen, aber genau das soll er tun, denn „das ist höchst auffällig“.

Wenn sich dann die Szene verlangsamt und sich der Blick auf die Sektenführerin und den brillanten Karl Peterson alias Leo Röcker richtet, wird eine der Stärken des Stückes offenbar. Sowohl die improvisierten als auch die sorgsam verfassten Szenen weisen einen subtilen bis sarkastischen, manchmal gar brutalen Sprachwitz auf, den die Schauspieler sichtlich genießen. „Stellen Sie sich vor, dass die große kosmische Gerechtigkeit einen kleinen Krümel vergessen hätte und dass wir uns eben auf diesem Krümel befinden…“ fragt Karl die allerdings wenig beeindruckte Sektenführerin. Man ist beinahe geneigt sich umzusehen und sich zu vergewissern, ob der eigene private Krümel evtl. nicht auch übersehen wurde. Auch kann man sich gerade noch beherrschen, sein Etikett nach dem „Made in…“ zu überprüfen, wenn der vollkommen aufgebrachte Herr Vaskes (Claudius Keldenich) erzürnt eine Spendensammlerin anfährt: „Was glauben Sie, wie viel mein T-Shirt kostet, wenn die Bangladeshis plötzlich Geld für ihre Arbeit wollen, oder mein Steak, wenn jedes Schwein seinen persönlichen Käfig bekommt.“ Seine verirrte Tochter, Juanita Vaskes (Fabienne Kerler) hingegen, räumt mit zu viel psychologischem Verständnis der elterlichen Generation auf, indem sie ihrer übertrieben verständnisvollen Mutter (Teena Chirakal) entgegenwirft: „Bin ich ein Hund, der dir automatisch den Tisch vollsabbert, wenn ihm eine Glocke das Essen einläutet, bleib mir weg mit der Psychokacke.“

Sehr überzeugend gelingt es den Schauspielern, auch wenn man es vielleicht erst beim zweiten Hinsehen bemerkt, die sieben Todsünden darzustellen. In immer neuen Konstellationen steigern sich alle beteiligten in ihre Laster hinein und verstärken die auch selbst geäußerte Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann.

Schmunzelt man zunächst noch über das Wortgefecht der herrlich blasierten Pamela Perterson (Pia Rimmele) mit ihrem Ehemann Karl: („Eine Frau soll unsere Alarmanlage installieren, können die das?“), bleibt einem das Lachen schnell im Halse stecken, wenn sich ihr Hochmut in kaum verhohlenen Rassismus wandelt, als sie die Hautfarbe der Monteurin (Teena Chirakal) bemerkt. („Ich sitze hier, bin außer mir, weil mein Schmuck gestohlen wurde, und du bringst mir eine Ne…, eine Schw…., eine Farbige ins Haus und dann soll ich mich sicherer fühlen.“) Als sie der vollkommen apathischen Frau Vaskes am Ende gar hinterher steigt und sie im „Zoo betrachten“ will, ist man der Einhalt gebietenden Sektenführerin (Theresa Herrman) durchaus dankbar und geht ihr auch ein bisschen auf den Leim.

Jannik Heinzler gelingt es in seiner Doppelrolle als brutaler Dealer und wolllüstiger Pfarrer (das Resultat einer Rollenkartenimprovisation) gleich zwei Sünden zu personifizieren. Dem zunächst etwas tollpatschigen, ein wenig hilflosen Geistlichen möchte man zwar nicht seine persönlichsten Probleme und Sorgen offenbaren. Kann man als aufmüpfige Tochter aber seiner Mutter entkommen, geht man mit ihm zumindest auf ein Zeltlager. Und eben auf dem Weg dorthin, vorbei am wunderbar aufdringlichen Eiferer Karl Peterson, mittlerweile ist der nämlich auf seine ganz besondere Art Feuer and Flamme für die Gesellschaft, passiert es dann: Hinter vorgehaltenen Tüchern macht sich der verirrte Diener Gottes über das Mädchen her und gibt ihr zum Entsetzen der Zuschauer auch noch die Schuld.

Pfarrer: Jetzt weißt du, dass es in der Hölle doch nicht so toll ist.

Juanita: Alles Fleisch wird Gras.

Pfarrer: Wenn tatsächlich all die geilen Böcke über dich herfallen, wirst du dir wünschen, niemals den Namen des Herrn gelästert zu haben. Jetzt tue Buße und bekenne deine Schuld, du hast einen Diener Gottes zur Sünde verführt.

Juanita: Verzeih mir, ich habe gesündigt.

Die von Fabienne Kerler überzeugend dargestellte, vollkommen traumatisierte Juanita wendet sich deprimiert an den die Szenerie beobachtenden Theaterchor, um dann auch von dieser Warte Hohn und Schuldzuweisung zu erfahren. („Weißt du eigentlich, wie scheiße du aussiehst. Du ekelst mich an. Du hast nichts in deinem Leben erreicht, du hast nur zerstört.“)

Diese sehr präzise choreographierten Massen – und Chorszenen sind mittlerweile zum Markenzeichen der Theater-AG geworden. Auch in diesem Stück finden sich einige gelungene Passagen, in denen der Chor, also die Masse, sowohl dem Einzelnen, aber auch dem Thema mehr Kraft, Wucht und Nachdruck verleiht. So sieht sich die mit ihrer drögen Arbeit, aber auch den aufdringlichen Kunden überforderte Sachbearbeiterin, Frau Martinez (Saskia Bußjäger) plötzlich einer Aktenordner tragenden Masse gegenüber. Gleichgeschaltet wird in verschiedenen Bewegungsabfolgen ein Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars verlangt, bis die Sachbearbeiterin schließlich von Aktenordnern überhäuft die Nichtigkeit ihres Tuns einsieht und in der Sekte die Erleuchtung findet. Auch ihre Erleuchtungsszene wird von der Gruppe gekonnt inszeniert. Im Spalier stehend hackt das gesamte Bühnenpersonal die alte von Neid auf ihre ehemalige Freundin und erfolgreiche Anwältin (Sophia Wendling) und Minderwertigkeitskomplexen geprägte Persönlichkeit auseinander und schafft einen neuen, von der Gesellschaft erleuchteten Menschen, der sich begeistert in seine neue Aufgabe stürzt und nun für den Tierschutzverein sammelt. Dabei unterschätzt Frau Martinez allerdings den Geiz des Herrn Vaskes und landet getreten und geschlagen ganz schnell auf dem Boden der Tatsachen.

Dass es sich bei dieser merkwürdigen Gesellschaft um keinen altruistischen Verein handelt, wird nun klar. Auf dem Weg zum gefügigen Menschen sind das Versagen und die Erniedrigung der Person einkalkuliert und gewünscht. Sowohl die versehrte Frau Martinez, als auch die erniedrigte Frau Vaskes mit ihrer traumatisierten Tochter folgen den Rattenfängern (Theresa Herrmann und Lorena Heizer) mit den Worten: „So kann es nicht weitergehen, es ist gut, wenn das alles aufhört.“

Nur wenige Charaktere dieses Stückes verdienen neben der gedemütigten Frau Vaskes das Mitleid des Publikums. Eine zwiespältige Rolle verkörpert der Polizist (Paul Stöckert), der sich mit dem Dealer einlässt, um seine drogenabhängige Schwester Ria (Selina Schuster) vor Entzugserscheinungen zu bewahren, weil seine Versicherung eine Entziehungskur nicht abdeckt. In einer bewegenden Inszenierung von Kafkas Parabel „der Geier“ präsentiert uns Ria die Abgründe der Drogenhölle und auch eben der Gier: „Manchmal kann es direkt schön sein, wenn er sich an deinem Blut labt und deine Gedärme genüsslich verschlingt, es hat so etwas von Ende…“

Und schließlich das Ende, als Zorn und Trägheit aufeinander treffen. Gekonnt setzt Mia Hochmann in ihrer Rolle als die Freundin des Dealers, Angelina, die umfangreichste Regieanweisung durch die gesamte 20-minütige Schlussszene um: “… tritt im Verlauf der Szene auf und drapiert diverse Unterhaltungsmedien auf dem Schreibtisch, denen sie sich immer wieder in einer aufreizend langsamen Zurschaustellung von Trägheit hingibt. Hin und wieder streichelt sie einen Bildschirm, windet sich um einen Computer, stapelt Handys, untersucht das Telefonkabel“. Von dieser Acedia, deren Gleichgültigkeit im provozierenden „Schlag mich doch“ kulminiert, lässt sich der Dealer anstacheln und verprügelt seine ehemalige Freundin, sodass wir erleichtert zustimmen, wenn ihn die Sektenführerin mit den Worten zur Rechenschaft zieht:

Das Bild unserer Angst, wenn wir nachts durch die Straßen gehen und ihn sehen, ein kleiner Schauer, wir laufen an ihm vorbei, drehen uns nach ihm um, folgt er uns? Erleichterung. Und nun. Hat er jetzt gemordet? Eine kleine Sensation. Wir wollten es so und doch beschämt es uns. Stellen wir ihn vor Gericht. Er hat ein junges Mädchen halbtot geprügelt und jetzt wollen wir ihn richten. Was soll mit ihm geschehen? Wollen wir ihn nicht alle bluten sehen? Er soll genau das spüren, was er ihr angetan hat. Und dabei wollen wir zusehen. Wie er leidet, wie er schreit! Er wird leiden.

Verwundert reibt man sich dann die Augen, wenn er zum „ewigen Gutsein“ verurteilt wird, insbesondere wenn nun auch noch Herr Vaskes auf die Bühne stürmt und nach Bestrafung verlangt, denn er sei schlecht. Zu seiner Enttäuschung hört er nur die lapidare Abweisung: „Nehmen Sie sich nicht so wichtig.“

Das Stück steht in einer Reihe von Produktionen der Theater AG, die einen bedrückt entlassen. Doch dieses Mal verlässt man den Schauplatz gänzlich ohne Hoffnung, denn das Gute an sich entpuppt sich als  lächerliches Urteil, das dem Verbrecher als Strafe auferlegt wird und dem reuigen Sünder geringschätzig verweigert wird. Und genau deswegen ist dem Ensemble wieder ein bewegendes Stück gelungen, das exakt, mit viel Herzblut und einer unglaublichen Portion an Eigenmotivation gespielt wurde.

Ganz im Sinne von Brecht verlässt der Zuschauer das Theater mit den Gedanken.

„So darf man es nicht machen. ‑ Das ist höchst auffällig, fast nicht zu glauben. ‑ Das muss aufhören.“

Und so tritt er ins Freie und ist froh, dass diese Welt eine veränderbare ist und eben so einfach nicht untergeht.