eine schwarze Komödie voller turbulenter und überraschender Wendungen

von Barbara Peters

aufgeführt von der Theater AG des Spohn-Gymnasiums

Vorführung am: 7. & 8. April 2014 um 19 Uhr im Theater Ravensburg

 

 


 Man stelle sich vor, da soll ein älterer wohlhabender, zudem auch noch adliger Herr langsam, aber sicher das Zeitliche segnen und dabei nicht unerhebliche Sach- und Geldwerte hinterlassen. Neben der zu erwartenden, tief empfundenen Trauer stellt sich bei den Angehörigen durchaus die Hoffnung auf einen gehörigen Batzen des zu erwartenden Erbes ein. Man will ja schließlich auch leben. Was fällt dem leider doch noch sehr rüstigen Herrn da ein, als er ausgerechnet eine junge gut aussehende Dame zu ehelichen gedenkt, die dann selbstredend  einen erklecklichen Betrag seines Vermögens für sich wird beanspruchen können? Zudem besitzt er noch die Frechheit seine ganze Familie zur Verlobung einzuladen. Da muss man schlicht und ergreifend selbst aktiv werden und gewisse Prozesse beschleunigen.

Und so findet sich bei Graf Horsts Verlobung mit der reizenden Französin Chantal langsam eine Familie ein, die skurriler kaum sein könnte: Die Emanze Sigrun Sturm versucht sich wiederholt der nicht vorhandenen Annäherungen des Gigolos Francesco zu erwehren und dabei das gesamte männliche Geschlecht zu eliminieren. Professorin Brothaare Kuchenbäcker hat zu Eliminierungszwecken gar eine hydraulische Enthauptungsmaschine erfunden, die ihre Tochter zu gerne an allem, was da kreucht und fleucht ausprobieren möchte. Die Dirk hat zu seinem Geschlecht eine ganz persönliche Auffassung, während der bemitleidenswerte Karl-Heinz unter der Last seiner Ehe mit der kompromisslosen Amalie ständig zusammenzubrechen droht.

Wie gut, dass dieser wenig kompetenten Mordgesellschaft magischer Beistand zuteil wird, denn alleine schaffen sie es irgendwie nicht, ihren vermögenden Grafen ins Jenseits zu befördern.

 Aufführung der Theater AG im April, 2014 im Theater Ravensburg

 Das Genre der Komödie ist von der Theater AG bisher sträflich vernachlässigt worden. Immer ernster wurden die Stücke, bis im letzten Jahr dann beinahe oder tatsächlich die Welt unterging und sich die Schauspieler dabei auch noch sichtlich wohl fühlten. Nach etwas Lustigem, Leichten stand allen Beteiligten zu Beginn der letztjährigen Probenphase der Sinn. Allerdings kann ein guter Witz schon schwer genug sein, geschweige denn eine ganze Komödie, also eine Ansammlung von guten Witzen, die dann auch noch in eine Handlung verwoben werden muss. Erst einmal in den letzten elf Jahren hat sich die neue Theater AG an eine Komödie gewagt, was allerdings bis ins Jahr 2006 zurückreicht. Die Erinnerungen an die gelungene Aufführung von Shakespeares „Wie es Euch Gefällt“ waren folglich mehr als verblasst. Und gerade deshalb sollte es heuer ein Lustspiel sein.

Mit dreizehn spielwütigen Schauspielern musste es einmal wieder ein Stück sein, in dem man alle gut beschäftigen konnte. Gut, dass vor diesem Problem wohl schon die eine oder andere Theater AG vor uns stand, denn es hat sich in den letzten Jahren in der deutschen Schultheaterlandschaft ein junger Klassiker etabliert, der aus diesem Problem eine Tugend macht. In der Erbschleicherkomödie „Leben sie noch, oder erben wir schon“ treffen die skurrilsten Typen einer ganz besonders reizenden Familie zur Verlobungsfeier beim alternden Graf Horst im hintersten Bayern ein. Reizend deshalb, weil keiner dem rüstigen Grafen seine junge und äußerst attraktive Frau gönnt, da die im Falle seines allzeit erhofften Todes doch das ganze Erbe abschöpfen wird. Und alle dürfen sich darüber groß und breit aufregen, jeder hat also genug zu tun.

Nicht umsonst betitelte die Autorin die einzelnen Passagen des Stückes mit „Klischees“. Und das Bühnenensemble gab alles, um jedem einzelnen Klischee auch gerecht zu werden. Sei es der empörte Gigolo, Francesco, der natürlich das hübsche französische Häschen des Grafen gerne für sich hätte, die verrückte Professorin, deren Tochter Püppi nichts lieber sieht als rollende Köpfe und zerfetzte Stofftiere – mangels lebender Exemplare. Die verklemmte Emanze, mit ihrer entrückten Freundin. Letztere verliebt sich prompt in den schusseligen Kommissar. Oder der bemitleidenswerte Karl-Heinz, der nur im Alkohol der Fuchtel seiner Frau sowie den Ansprüchen seiner hibbeligen Töchter entkommen kann. Ein mysteriöser Zauberer, der die ganze Gesellschaft endgültig aus den Fugen hebt. Und nicht zuletzt die oder der beeindruckende Dirk, die oder der in Frauenkleider so manchem Mann, aber auch Frau den Kopf verdreht.

Das Publikum amüsierte sich köstlich, wie der Transvestit Dirk alias Jannik Heinzler, immer wieder gekonnt seine überzeugende Weiblichkeit – auf schwindelerregenden und wohl auch zu engen Pumps – zum Besten gab. Auch Barbesitzer Francesco (Paul Stöckert) vermochte es kaum, sich diesem vereinnahmenden Wesen entziehen. Er konnte einem beinahe Leid tun, wie sein Draufgängertum immer wieder scheiterte, sei es an den resoluten Angriffen der empörten Emanze Sigrun (Saskia Bußjäger) – Vorsicht! Anti-Männer-Spray - oder eben an Dirk, die / der ihn immer wieder in alles einwickelte, was Ösen hatte.

Auch Arp Studemund, der als unterdrückter Ehemann, Karl-Heinz, stets zu überzeugen wusste, ging in seiner ersten Rolle gekonnt mit dem Genre der Komödie um, indem er bspw. die Tiraden seiner Frau (Marietta Rezbach) als unsichtbare Stromschläge widerspiegelte. Kein Wunder, dass man da alleine an der Bar endet, seiner Frau allerdings trotzdem die Treue bekundet.

In ihrer letzten Rolle für die Theater AG des Spohn-Gymnasiums gefiel Selina Schuster als konfuse, jedoch äußerst pragmatische Erfinderin einer Kof-ab-Maschine. Und wenn man eine derartige Erfindung schon zur Hand hat, warum sie nicht gleich an der möglichen Erbin ausprobieren? Allerdings fielen dann doch eher Kaskaden von Fremdwortungetümen als beabsichtigte Köpfe. „Ich habe sie auf der Grundlage der physikalischen Biohydraulik konstruiert. Faktoren wie Gravitation, Expansion, Erosion und Konfusion habe ich natürlich alle berücksichtigt. Auch die Auswirkungen der Konfession wurden beachtet.“ Das muss man erst einmal unfallfrei hinbekommen. Weg muss das französische Häschen trotzdem.

Mit dem Morden ist es aber nicht so einfach und schon gar nicht in einer Komödie. Daher vergiften sich die verhinderten Attentäter mit dem Anti-Männer-Spray Sigruns beinahe gegenseitig und werden dabei noch von dem geheimnisvollen Zauberer beobachtet, der zuvor aus einer Irrenanstalt ausgebrochen ist. Jonathan Pfizenmeier brilliert hier insbesondere im Zusammenspiel mit der makaberen Püppi (Florine Pankow), aber auch wenn er das gesamte Bühnenpersonal in einer der wenigen surrealen Szenen, für die die Theater-AG des Spohn-Gymnasium eigentlich bekannt ist, wahlweise in Kürbisse oder Phantasiefiguren verwandelt. Diabolisch versucht er, sich in der Erbschleichergesellschaft einen Vorteil zu verschaffen. Seine angebliche Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen, wird ihm dann jedoch zum Verhängnis. Hat er nicht all die vorherigen Mordpläne belauscht? Dann muss er mit dem Kerzenständer ins Jenseits gebracht werden! Und eben in dieser Mordszene zeigt das Ensemble, dass es sowohl Komik als auch Choreographie miteinander vereinbaren kann. In einer Polonaise nähert man sich langsam aber kontrolliert zur eingespielten Musik den Opfern (denn Francesco würde viel Lieber Graf Horst ermorden, der doch unverdienterweise diese französische Schönheit abbekommen hat) und erledigt dann doch nur den Magier.

Im Grande Finale muss schließlich nur noch der Mord aufgeklärt und das überraschende Testament eröffnet werden. Erst jetzt kommt der bewährte Leo Röcker, der erst vier Wochen vor der Aufführung zur Gruppe stieß, als Kommissar Hugo Taschenbuch zum Einsatz (womit die vierzehn Spielwütigen komplett wären) und verliebt sich prompt in Sigruns verhuschte ältere Schwester Sybille, die man bis dato kaum wahrgenommen hat. Der Blitzstrahl der Liebe trifft beide sofort und insbesondere Felice Grubert als Sybille, emaniert die sie überwältigenden Gefühle derart überzeugend, dass die Bühne  kurzzeitig in ein besonders warmes Licht getaucht wird. Da fällt es als gewissenhafter Beamter besonders schwer, seiner Pflicht nachzukommen und tatsächlich auch ein Verbrechen aufzuklären. Leo Röcker versteht es dabei hervorragend, die inhärente Unfähigkeit des Kommissars mit einem Schuss verbeamteter Überheblichkeit zu mischen und genau damit das Publikum nachhaltig zum Schmunzeln zu bringen. Ach ja, und da er ja nur den ausgebrochenen Irren dingfest machen soll, wollen wir es mit dem Kapitalverbrechen nicht zu eng sehen. Der Zauberer könnte ja wirklich nur gestolpert sein, wie Karl-Heinz’ Tochter Paula glaubhaft versichert. Viel wichtiger ist ein Erinnerungsphoto, auf dem der geniale Gesetzeshüter über dem entflohenen Straftäter triumphiert.

Schließlich lohnt immer ein Blick auf die Statisten, denn jeder der 14 Hauptdarsteller agiert im Schlussklischee eben auch im Hintergrund. Nicht aufdringlich, aber stets der Rolle verschrieben, spielen alle  Schauspielerinnen und Schauspieler weiter, selbst wenn sie keinen Text haben. Püppi versucht ständig Sigruns Meerschweinchen zu töten, während die Dirk ständig nicht bei Francesco landen kann, der überzeugend betrunkene Karl Heinz ist um Fassung bemüht, während seine Töchter (Fabienne Kerler und Mia Hochmann) ihren Ekel vor dem omnipräsenten Bücherregal kundtun (Oh mein Gott, ein ganzes Bücherregal, mit Büchern!), und darüber strahlt das Liebespaar um die Wette.

Dass am Ende alle nur Schrott erben, war zu erwarten. Allen Erbschleichern muss schließlich und endlich ihre gerechte Strafe in Form einer Schenkung widerfahren, was dauern kann. Da ist alles Aufhebens vergeblich gewesen, denn Lord Horst (Claudius Keldenich) ist schlicht zu rüstig, um zu vererben und nennenswerten Besitz hat es sowieso nie gegeben. Lediglich die französische Geliebte (Hannah Madlener) bringt die klischeebehaftete Insel mit in die Ehe, auf die sich das glückliche Paar zurückzieht. Neben den glücklichen Liebespaaren, denn als Grundprinzip der Komödie soll jeder Jack immer seine Jill bekommen, ist nur noch Karl-Heinz zufrieden. Er hat nicht nur den Weinkeller geerbt, sondern kann endlich auf eine friedliche Frau herabblicken. Die ist angesichts des erbärmlichen Gesundheitszustands der vermachten Pferde kurzerhand in Ohnmacht gefallen. Na denn Prost!