Plakat_1Rezension

Theater-AG des Spohn-Gymnasiums begeistert mit gelungener Faust-InszenierungTeufelinnen

Man kennt es, da hadert einer an entscheidender Stelle im Leben, ob denn das alles gewesen sei. Zwar erscheint einem dann nicht gleich der Teufel, der einem einen Pakt anbietet, aber was unsere Existenz ausmacht und ob da noch etwas kommt, fragt sich nicht nur Faust. Bis auf wenige kleine Aktualisierungen hielt sich die Theater-AG des Spohn-Gymnasiums an Goethes Original, begeisterte und verblüffte mit ihrer spritzig frechen Interpretation des großen Klassikers in nahezu ausverkauftem Theater Ravensburg.

In dieser Aufführung ist ein Faust aber einfach nicht genug. Drei Fäuste sehen sich drei Mephistas gegenüber, denn der Teufel ist im Faust immer öfter weiblich. Gekonnt teilen sich die Schauspieler Monologe, aber auch einzelne Szenen auf und es entsteht eine zutiefst gespaltene Persönlichkeit. Der hadernde Faust, der vor der Vergeblichkeit seiner Anstrengungen am ehesten verzweifelt. Der gelehrte Faust, dessen geistige Ergüsse  selbst dem Teufel auf die Nerven gehen. Und schließlich der leidenschaftlich anarchische Faust, der sich jedem Genuss, sei es jetzt Party oder Tanz, sofort inbrünstig hingibt, so dass selbst Mephista immer wieder über ihn die Kontrolle verliert. So taumelt ein Faust viel zu früh in Gretchens Schlafzimmer, tanzt wie wild mit den Katzen in der Hexenküche oder dreht selbst bei seinem eigenen Monolog vollkommen durch. Anders Mephista: Ihr geht es gar nicht so sehr darum, die Wette mit Gott, der seinen Himmel übrigens auch nicht im Griff hat, sondern ihren Faust für sich zu gewinnen. Mephista ist in Faust verknallt und deshalb muss das arme Gretchen als Konkurrentin dran glauben.

Besonderes Augenmerk legte die Regie auf die Umsetzung der auch im Original angelegten Großszenen. In einem Strudel durchchoreographiertem, aber dennoch orgiastischem Chaos verlieren sich die Fäuste im Sog der Vergnügungen. Da kackt man sogar in den Hexenkessel und konsumiert auf dem Blocksberg Drogen. Geister und Hexen wirbeln umher und binden den am meisten empfänglichen Faust an einen stilisierten Marterpfahl, von wo aus ihm dann klar wird, dass er seine Geliebte in den Untergang reißt.

Unglaublich textsicher zeigen die jungen Schauspieler sichtlich Freude an der kunstvollen Sprache und hauen sich Goethes Sätze immer wieder regelrecht um die Ohren. Nicht nur die Faustdarsteller teilen sich ihre Monologe, sondern auch die teuflischen Verführerinnen übertreffen sich selbst in präziser Wechselrede.

Bildgewaltig und eindringlich präsentiert sich das Ensemble auch in den zahlreichen Chorszenen. Alle Mädchen wabern als Erdgeist durch Fausts Studierzimmer. In der Walpurgisnacht versuchen die Hexen den offensichtlich gespaltenen Faust weiter zu zerreißen und Geister wie auch alle anderen von Goethe angelegten Sprechchöre wirbeln abwechselnd über die Bühne.

Im Humor und dem ironischen Umgang mit Goethes Text liegt eine weitere Stärke dieser Inszenierung. Keines der geflügelten Zitate wie „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“ ist vor einem flapsigen Kommentar sicher. Und so bleibt dieser Faust zwar als nach wie vor großer Suchender in Erinnerung, aber eben auch als einer, der sich nicht so haben soll:

„So viel studiert und immer noch keine Ahnung.“ Es gibt Schlimmeres.

 

Stück: Inhalt

Der Mensch lernt und arbeitet und gelangt irgenFaust. Der Tragödie erster Teil.dwann zu dem Punkt, an dem er erkennt:

„Nun steh ich hier ich armer Tor und bin so schlau als wie zuvor.“ Und was dann? Einfach weitermachen, darauf warten, dass irgendwann etwas passiert, in Sarkasmus verfallen und weiter die Untergebenen an der Nase herumführen oder die besondere Chance nutzen, die sich vielleicht nur einmal bietet, wenn sie einen auch in den Abgrund führen kann? Zumindest hat man es dann versucht und muss sich nicht ewig fragen, wäre ich damals doch nur mitgegangen und hätte mich im unerträglichen Gefängnis des Alltages nicht gänzlich versklavt. Ja und genau das macht Faust und reißt damit in den Abgrund, vor dem es einen doch schwindeln sollte.

Goethes und vielleicht der deutschen Literatur größte Tragödie hat sich die Theater AG des Spohn-Gymnasiums in diesem Jahr vorgenommen. Dieses Mal nicht frei nach, sondern im Großen und Ganzen textgetreu haben sich die Schülerinnen und Schüler dieses Werk zu Eigen gemacht und ihm doch dabei ihre persönliche Interpretation verliehen. Faust, der große Suchende, geht dabei einen Pakt mit dem äußerst attraktiven Mephisto oder soll man sagen der äußerst attraktiven Mephista ein und bricht aus dem Gewöhnlichen aus. Was er gelernt hat und lehrt, ist doch so wenig nützlich wie so mancher Stoff der gymnasialen Oberstufe, sollte man meinen. Was liegt da näher als der personifizierten Versuchung an entscheidender Stelle in Aussicht zu stellen: „Werd ich zum Augenblicke sagen, verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen.“ Und Faust macht sich von nun an auf die Suche nach dem perfekten Moment und spricht vielen Jugendlichen aus der Seele, die eben auch den einen Augenblick gerne festhalten mögen, der doch immer wieder so schnell vergeht. Dass Faust sich dabei den schon beinahe klischeehaften Versuchungen der Jugend hin-oder eben nicht hingibt, liegt tatsächlich auch im Kern von Goethes Klassiker, was ihn eben auch zu einem Stoff macht, den man bereits vor der Oberstufe greifen oder begreifen kann.

Manchmal unkonventionell, manchmal ironisch, manchmal auch ein wenig respektlos, wenn wieder ein tolles Zitat kommt, das man doch irgendwo schon einmal gehört haben will und dann an entscheidender Stelle nicht ganz wortgetreu wiedergeben kann, präsentieren die zwölf Schüler der Mittel- und Oberstufe des Spohn-Gymnasiums ihren Faust oder soll man sagen ihre Fäuste, denn in dieser Inszenierung ist tatsächlich ein Faust nicht genug.

Theater Ravensburg

Montag, 27.4.

Dienstag, 28.4.

Jeweils 19 Uhr

Eintritt: Erwachsene 8,70 €, ermäßigt 5,40 €

Bei Vorreservierung über Herrn Villa oder über den Klassenlehrer nur  4,- € (ermäßigt).