frei nach dem erfolgreichen Jugendbuch von Janne Teller

in einer eigenen Bearbeitung der Theater AG des Spohn-Gymnasiums

 Plötzlich steht einer in der Klasse auf und behauptet: „Nichts bedeutet irgendetwas. Deshalb lohnt es sich auch nicht irgendetwas zu tun!“, und verlässt die Schule. Pierre Anton verwirrt und verstört seine Freunde mit seiner Ankündigung, sich jetzt dem Nichts hinzugeben und nur noch in einem Pflaumenbaum zu sitzen. Mit Argumenten kann man ihn nicht vom Gegenteil überzeugen, da der Mensch tatsächlich nur 80 Jahre lebt und davon ein Drittel verarbeitet, ein Drittel verschläft und vorher und nachher eine Ewigkeit tot ist. Von nun an versuchen alle Pierre Anton praktisch klarzumachen, dass es doch Bedeutung im Leben gibt. Doch was hat Bedeutung? Der Brautstrauß einer Braut, deren Ehe schon wieder geschieden ist? Ein vergilbtes Photo der Familie? Der erste Computer? Oder kann man die Bedeutung einer Sache daran messen, wie sehr erst deren Verlust schmerzt?

Mehr und mehr steigert sich die Gruppe in ihre Versuche hinein, Bedeutung in ihrem Leben nachzuweisen. Sie sammeln bedeutsame Dinge und fordern gegenseitig Bedeutung ein. Immer mehr eskalieren die Versuche Pierre Anton davon zu überzeugen, dass das Leben eben nicht sinnlos ist. Dabei muss nicht nur der putzige Hamster dran glauben oder das eigene Fahrrad hergegeben werden. Bedeutung wird zur neuen Religion, der man sich unterordnen muss, koste es, was es wolle. Die Figur des Pierre Anton entwickelt sich dabei allmählich zu einer fixen Idee, die von jedem Besitz ergreift, bis man sie kaum noch loswerden kann, da sie Teil der Persönlichkeit geworden ist.

Und was, wenn man sie oder ihn dann doch loswerden will?

Dunkel. Dunkler. Grabesdunkel.

 Mittwoch, 27.4.2016, 19 Uhr

Donnerstag, 28.4.2016, 19 Uhr

Eintritt: 7 €, ermäßigt: 4 €

Es spielen

Rosalie Gietl (8a); Valerie Philippi, Carlotta Sperl (8b); Lena Reich (9a); Salina Bauer (9b); Luka Hipp, Florine Pankow, Jenni Fetscher, Nina Nürnberger, Teresa Schindler, Arp Studemund (10a) & Jannik Heinzler (12)


Nichts vor ausverkauftem Haus

Am 27. & 28 April füllte die Theater-AG des Spohn-Gymnasiums das Theater Ravensburg mit ihrer eigenen Bearbeitung des dänischen Jugendbuches „Nichts, was im Leben wichtig ist“.

Wie überzeugt man einen, der sich vehement weigert, einen Sinn im Leben zu sehen, und von nun an nur noch im Pflaumenbaum sitzen möchte? Eine Schulklasse macht sich auf den Weg oder begibt sich eher in die Tiefen eines verstörenden Alptraumes, um Bedeutung im Sein nachzuweisen.

In eindringlichen, aber auch grenzwertig verstörenden Bildern durchleben zwölf junge Menschen die Abgründe der fanatischen Psyche. Überzeugend durchdacht erweist sich dabei die mutige Regieidee, die eigentlich im Baum sitzende Hauptfigur nicht durch einen Schauspieler zu verkörpern, sondern durch alle. Immer wieder schlüpft die gesamte Gruppe in die Figur dieses Pierre Anton, dessen fixe Idee wie ein böser Geist wiederholt von jedem einzelnen Besitz ergreift. Die Gruppe spricht Pierre Antons Passagen präzise im Chor, bewegt sich synchron und bündelt die Kraft des Theaterchores zu wabernden Klangteppichen oder einer bild- und stimmgewaltigen, beinahe greifbaren Wucht. Der Zuschauer spürt, wie Pierre Anton immer mehr Teil und Obsession der einzelnen Charaktere wird. Bei den konkreten Versuchen, Bedeutung und letztendlich Sinnhaftigkeit nachzuweisen, bleibt es nicht lange bei halbherzigen Versuchen, zweitrangig Materielles wie ein Fernrohr oder eine alte Geige aufzuschichten. Auf dem sogenannten Berg der Bedeutung, der auf der Bühne aus handelsüblichen EPA-Paletten besteht, landen bald ganz andere Dinge. Ein kleiner langsam dahinsterbender Hamster macht nur den Anfang einer wahrhaftigen Tour de Force. Dabei entsteht ein unwiderstehlicher Gruppenzwang, dem sich der Einzelne unterordnen muss. Bedeutung wird zur Religion. „Auf den Berg, auf den Berg!“, lautet das Motto, wobei Bedeutung bald daran gemessen wird, wie sehr deren Verlust schmerzt, und dann muss der Nächste mehr opfern. Umringt von Kreuzen schwingenden Figuren, verteidigt Elise den Sarg ihres kürzlich verstorbenen Bruders; die fromme Kai wird ans Kreuz genagelt und auf dem Berg der Bedeutung aufgestellt; Sofie verliert an Hans ihre Unschuld, nur um dann dem Hund Aschenputtel den Kopf und später Jan Johann den Finger abzuhacken.

Die im Folgenden blitzlichtartig auftretenden Erwachsenen entpuppen sich als Karikaturen. Möchte man zunächst pädagogische Ich-Botschaften platzieren oder pädagogische Keulen auspacken, besinnt man sich schnell eines Besseren, als plötzlich Shows und Museen aus den USA die Sache ausschlachten wollen. Der Psychologe wird dabei eine neue Abkürzung etablieren, die Schule steigende Anmeldezahlen verzeichnen und die Jugendlichen selbst den Berg verkaufen können.

Pierre Anton kann darüber nur lachen. Und genau das besiegelt sein Ende. Nach abstrakten Darstellungen von Gewalt und Schmerz erscheint sein Ende anmutig. Der Berg der Bedeutung brennt, indem das Ensemble das Bühnenbild exakt choreographiert mit roten Tüchern umhüllt.

Wo bleibt nun die Moral, wo bleibt die versöhnliche Einsicht, was denn nun etwas bedeutet. Muss das Schultheater jetzt eine Lehre liefern, die man sich einpacken und an die Wand hängen kann? War das zu viel für ein Stück, gespielt von Jugendlichen? Sollte man das besser lassen? Manche mögen hier vielleicht „große Kunst“ sehen, andere finden vielleicht die eine oder andere Grenzüberschreitung. Hatten die Dänen zunächst Recht, als sie dieses Buch auf den Index setzten oder hatten sie am Ende Recht, als sie es sich anders überlegten und dieses Buch auszeichneten? Aber halt! Wir sind auch noch im Theater und hier darf man das, hier muss man das.

Vielleicht gibt es dann doch etwas, das man neben der überragenden schauspielerischen Leistung, der authentisch dargestellten Verzweiflung und der Kraft des Ensembles mitnehmen kann:

„Mit der Bedeutung ist nicht zu spaßen, aber macht das Beste draus!“

(Vi)