Spohn-Gymnasium vertritt Baden-Württemberg beim Schultheater der Länder
16 Schultheatergruppen aus allen Bundesländern, 300  junge Schauspieler, 15 Aufführungen, ein begeistertes  Theaterpublikum in Erfurt und die Theater-AG des  Spohn-Gymnasiums war dabei. Über ein halbes Jahr  hatten sich zwölf junge Schauspieler unter Leitung von  Theaterlehrer Oliver Villa auf dieses Schultheaterfestival, das größte Europas, vorbereitet. Das  Festivalthema „Sprache“ lag dem Ensemble, denn die Gruppe experimentiert in beinahe jeder  Aufführung mit chorischem Sprechen oder sprachlichen Klangteppichen. So war die Freude groß,  dass sowohl eine Landes- als auch Bundesjury die selbst verfasste und im April im Theater  Ravensburg aufgeführte Romanadaption der Theater-AG zu Janne Tellers Bestseller ausgewählt  hatte. Eine Woche durfte die Gruppe in ein Theaterfeuerwerk eintauchen und vertrat dabei eben  Baden-Württemberg.
Noch mit Koffern beladen ging es gleich nach der Ankunft in Erfurt mit Body-Percussion und  Clownsaufführungen los. Spielerisch und ungezwungen lernten sich Teilnehmer aus der ganzen  Republik kennen. Im imposanten Neubau des Erfurter Theaters richteten sich die Schüler von nun an  für eine Woche ein und bestaunten jeden Tag bis zu vier Theaterstücke und diskutierten im  sogenannten Basislager direkt neben der Bühne die Darbietungen der anderen Länder.
Gleich das erste Stück der Gastgeber aus Thüringen traf den Nerv der Zeit. Geschickt verknüpfte die  Gruppe aus Gotha die mythologische Reise des Odysseus mit der aktuellen Flüchtlingskrise. Der antike Held rettet einen Schiffbrüchigen und wird nach seiner langen Reise angefeindet, dass die Obergrenze für Flüchtlinge in Ithaka doch nun erreicht sei. Das Bild des daraufhin wieder aufs Meer rudernden Odysseus ließ viele nicht mehr los. Auch Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern verschrieben sich diesem Thema, warfen Fragen auf, provozierten gar. Die laut auf der Bühne skandierten Pegida-Sprüche wie „Dresden zeigt wie’s geht“ machten gar ein Nachgespräch mit der Gruppe aus Sachsen nötig. Am meisten begeistern konnte die Gruppe aus Berlin. Ihr Stück Electronic City bestach durch unglaublich präzise Ensemblearbeit und atmosphärisch dichte Darstellung einer dystopischen Welt, in welcher der Einzelne, sei er nun Manager oder Kassiererin, am Druck der Anforderungen zerbricht. Zweisamkeit ist nur durch eine präzise Taktung des Alltagslebens möglich. Nicht nur durch dieses Stück ließ sich das Publikum zu Standing Ovations hinreißen. Im Bombardement perfekter chorischer Sprache und Bewegung, bis hin zum Tanztheater, und einer manchmal auch überbordender Beamer-Bilderflut von mehrheitlich Oberstufenschülern zeigten sich auch zwei Unterstufengruppen sehr erfrischend. Im hessischen Beitrag marschierten herrlich überspitzt dargestellte Professoren über die Bühne und untersuchten, was denn genau Sprache sei, wie und wo sie entstand und wie sie funktioniert. Ach ja, ein kleines Schmankerl zur politischen
Großwetterlage: Sprache entstand in Afrika und kam dann mit den ersten Migranten auf unseren Kontinent.
Heftige Diskussionen löste dann der Beitrag des Spohn-Gymnasiums aus. Nahezu einstimmige Begeisterung bei den jugendlichen Zuschauern, weil sich diese Theater-AG etwas traute. Auf der Suche nach Bedeutung im Leben steigert sich die dargestellte Gruppe immer mehr in einen radikalen Rausch, in dem Bedeutung erst dann bedeutsam ist, wenn sie wehtut, was man eben auch zeigt. Und so trägt eine Figur gemäß der Romanvorlage den Sarg mit ihrem Bruder auf die Bühne und es fällt  sehr (zu?) realistisch dargestellt ein Finger unterm Beil. Chorische Sprache wird hier zu kollektiver Wucht; die Gruppe ist bereit alles zu geben für ihr Ziel, wodurch das Stück zur Parabel für all die Ziele wird, die man erreichen möchte, koste es, was es wolle. Dann aber durchaus auch Kritik bei den Erwachsenen. Wo bleibt da die Lehre, wenn am Ende nur Leere steht? Was hat denn nun Bedeutung? Warum bleibt die Gruppe hier die Antwort schuldig? Bewusst hat sich die Gruppe jedoch entschieden, diese Antwort offen zu lassen. Im Theater möchte niemand einen erhobenen Zeigefinger in Form eines Hashtags im Stile von „#Habt euch alle lieb“ eingeblendet sehen. Wenn der Zuschauer aus dem Theater geht und sagt:
„Das muss aufhören“, hat die Gruppe eben genau das erreicht, was Bertolt Brecht verlangte, als er dem Illusionstheater abschwor, als er verlangte, sich nicht mit den Charakteren auf der Bühne zu identifizieren.
Viel zu schnell zog diese Woche des Theatersturms vorbei und alle waren sich bewusst, eine ganz besondere vielleicht einmalige Erfahrung gemacht zu haben. Dass die Theatergruppe nach 2010 jedoch bereits zum zweiten Mal beim Schultheater der Länder antrat, zeugt nicht nur von hervorragender Theaterarbeit, sondern macht auch Hoffnung auf eine weitere Wiederholung, vielleicht nächstes Jahr in Potsdam.