Wer ist denn das? Kommt auf die Bühne, redet wirres Zeug und bringt immer den Falschen um, bildet sich ein, dass seine Freundin ihn hintergeht und sein bester Freund mit seinen Widersachern  unter einer Decke steckt? Wie kann man dem helfen? Warum rennt der immer wieder gegen die Wand? Aber dann lässt er Einblicke in seine Seele zu und wir werden eines zerrissenen Menschen gewahr, der seine Psyche bis in die Grundfesten auslotet und schließlich daran zugrunde geht, und wir leiden mit ihm, wir verstehen ihn und wir denken: „Ja das habe ich auch schon einmal gefühlt!“

Hamlet glaubt einem Geist, dass sein Onkel seinen Vater getötet hat, und fragt sich dabei nur kurz, ob das nicht doch ein Dämon ist, der ihn ins Unglück stürzen will. An dieser fixen Idee, die natürlich absolut begründet ist, arbeitet sich der junge Mensch im Verlaufe der Handlung immer wieder ab. Er will den Mörder stellen und jedes Mittel ist im Recht. Allerdings erkennt er nicht, dass er stets den tragischen Fehler macht, sich für seinen eigenen Fall und den Untergang seiner Gegner und auch Liebsten zu entscheiden.

Hamlet setzt sich dabei mit den existenziellen Fragen unseres Daseins auseinander:

Was ist der Mensch?

Wer ertrüg der Zeiten Spott und Geißel?

Warum schwächt, das unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt, unseren Willen?

Jede Szene erscheint als in sich geschlossenes Mini-Drama, das den Zuschauer am Ende ohne Antworten entlässt, da es die vielleicht gar nicht gibt.

Die neun jungen Schauspieler der Theater-AG des Spohn-Gymnasiums haben sich in diesem Jahr für die berühmteste Figur der Theatergeschichte entschieden, deren Facetten derart vielschichtig sind, dass jeder auch einmal den Hamlet spielen und die Tiefen seines Charakters selbst durchleiden darf. „I call thee Hamlet.“ Ich nenne dich Hamlet und du wirst zu Hamlet, aber du kannst ihn wieder verlassen.

Mit viel Spielfreude an den merkwürdigen  Auftritten der Hauptfigur, aber auch an der Darstellung der nicht minder grotesken Nebenfiguren, dann aber wieder mit Lust am Leiden und an der Leidenschaft der nicht eintretenden Erkenntnis entsteht ein Kaleidoskop der menschlichen Psyche, die keine andere Bühnenfigur derart intensiv durchlebt wie eben… Hamlet

 Eintritt Erwachsene 9,70 Euro; ermäßigt 6,40 Euro

Vorverkauf in der Schule: Schüler 4 Euro, Erwachsene 9 Euro

6. & 7. Juni 2018; 19 Uhr

 Unter Leitung von Oliver Villa treffen sich jeden Freitag von 13:15-15:30 Uhr interessierte Schüler der Klassenstufen 8 bis 12 in Zimmer R 3.23.

 Wir suchen ständig engagierten Nachwuchs!

 

RÜCKBLICK auf die vergangenen Jahre

 ...weitere Bilder zu den Aufführungen finden sich bald auch in unserer Bildergalerie

 

2016/17

2017 Underground PlakatUnderground 2016/17
eine Eigenproduktion der Theater AG des Spohn-Gymnasiums
mit Texten u.a. des Kurses Literatur und Theater.

Unter der großen Stadt durchzieht ein System von Tunneln die Erde...

Aufführungstermine: 14. & 15. März
Eintritt: 9 €; erm. 4 €

2016/17

Theater AG MS/OS vertritt Baden-WürttembergUnsere AG vertritt Baden-Württemberg beim Schultheater der Länder

Schultheater der Länder 16/17

SZ (05.10.2016): Ravensburger Beitrag löst heftige Diskussionen aus. Spohn-Gymnasium vertrat Baden-Württemberg beim Schultheater der Länder.

 

2015/16

Nichts - Nach Janne Teller (Plakat)_1

 

Nichts - Eine Spohn-Adaption des Romanes "Nichts" von Janne Teller

 

2014/15

Faust. Der Tragödie erster Teil.

2013/14

Leben sie noch? Oder erben wir schon?

eine schwarze Komödie voller turbulenter und überraschender Wendungen

von Barbara Peters

 aufgeführt von der Theater-AG

2012/13

Weltuntergang

2011/12

AMOK?LAUF

2010/11

Die Welle

  • Presserezension

2009/10

Die Hölle ist drin

2008/09

Fahrt ins Staublose

2007/08

Der Suchenden Träume
Eine Eigenproduktion mit Texten von Eich, Schiller, Brecht, Shaffer, Shakespeare.

2006/07

Frühlings Erwachen

2005/06

Wie es euch gefällt.

2004/05

  • Oliver Twist

2003/04

  • Schillers Räuber als Großstadtratten

 

Underground

eine Eigenproduktion der Theater AG des Spohn-Gymnasiums

mit Texten u.a. des Kurses Literatur und Theater.

Unter der großen Stadt durchzieht ein System von Tunneln die Erde und transportiert die Menschen und Ihre Schicksale. Zwangsläufig kreuzen sich ihre Wege und sie nehmen auf ihrem Lebensweg eine andere Abzweigung. Der Takt der U-Bahnen bestimmt die Frequenz des Daseins. Im Gewusel blitzt das eigene kleine Ameisenleben kurz auf, um im Sog der Masse wieder zu verschwinden. Drängen sich alle in ein U-Bahnabteil, offenbart sich ein Querschnitt durch die Gesellschaft, der in Dichte und Intensität sonst kaum möglich ist. Jede Figur trägt Ihr Paket und arbeitet sich an ihm ab. Man wird Zeuge menschlicher Abgründe, aber auch der Hoffnung der Menschlichkeit. Und über allem steht die Angst, dass dieses sensible Konstrukt unausweichlicher privater Öffentlichkeit bedroht wird. Man will es sich nicht wirklich anmerken lassen, aber jeder Mülleimer könnte plötzlich explodieren. Und hat nicht schon der Innenminister passend formuliert: „Ein Teil der Antworten würde die Bevölkerung verunsichern."

Im Entstehungsprozess dieser Eigenproduktion übernimmt jeder Schauspieler die Rolle einer Figur aus dem Kaleidoskop der postmodernen Gesellschaft. Es entstehen Szenen, die aus der Begegnung einzelner Menschen herrühren, welche nur der Notwendigkeit des Massentransportmittels U-Bahn geschuldet sind. Immer wieder entstehen Räume und Momente, in denen sich der Einzelne äußern kann und seinen eigenen Abgrund auslotet. Und über allen und allem steht die Frage. Wie geht die Gesellschaft damit um, dass ein Terroranschlag alles plötzlich beenden kann?

Aufführungstermine: 14. & 15. März

Eintritt: 9 €; erm. 4 €

Spohn-Gymnasium vertritt Baden-Württemberg beim Schultheater der Länder
16 Schultheatergruppen aus allen Bundesländern, 300  junge Schauspieler, 15 Aufführungen, ein begeistertes  Theaterpublikum in Erfurt und die Theater-AG des  Spohn-Gymnasiums war dabei. Über ein halbes Jahr  hatten sich zwölf junge Schauspieler unter Leitung von  Theaterlehrer Oliver Villa auf dieses Schultheaterfestival, das größte Europas, vorbereitet. Das  Festivalthema „Sprache“ lag dem Ensemble, denn die Gruppe experimentiert in beinahe jeder  Aufführung mit chorischem Sprechen oder sprachlichen Klangteppichen. So war die Freude groß,  dass sowohl eine Landes- als auch Bundesjury die selbst verfasste und im April im Theater  Ravensburg aufgeführte Romanadaption der Theater-AG zu Janne Tellers Bestseller ausgewählt  hatte. Eine Woche durfte die Gruppe in ein Theaterfeuerwerk eintauchen und vertrat dabei eben  Baden-Württemberg.
Noch mit Koffern beladen ging es gleich nach der Ankunft in Erfurt mit Body-Percussion und  Clownsaufführungen los. Spielerisch und ungezwungen lernten sich Teilnehmer aus der ganzen  Republik kennen. Im imposanten Neubau des Erfurter Theaters richteten sich die Schüler von nun an  für eine Woche ein und bestaunten jeden Tag bis zu vier Theaterstücke und diskutierten im  sogenannten Basislager direkt neben der Bühne die Darbietungen der anderen Länder.
Gleich das erste Stück der Gastgeber aus Thüringen traf den Nerv der Zeit. Geschickt verknüpfte die  Gruppe aus Gotha die mythologische Reise des Odysseus mit der aktuellen Flüchtlingskrise. Der antike Held rettet einen Schiffbrüchigen und wird nach seiner langen Reise angefeindet, dass die Obergrenze für Flüchtlinge in Ithaka doch nun erreicht sei. Das Bild des daraufhin wieder aufs Meer rudernden Odysseus ließ viele nicht mehr los. Auch Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern verschrieben sich diesem Thema, warfen Fragen auf, provozierten gar. Die laut auf der Bühne skandierten Pegida-Sprüche wie „Dresden zeigt wie’s geht“ machten gar ein Nachgespräch mit der Gruppe aus Sachsen nötig. Am meisten begeistern konnte die Gruppe aus Berlin. Ihr Stück Electronic City bestach durch unglaublich präzise Ensemblearbeit und atmosphärisch dichte Darstellung einer dystopischen Welt, in welcher der Einzelne, sei er nun Manager oder Kassiererin, am Druck der Anforderungen zerbricht. Zweisamkeit ist nur durch eine präzise Taktung des Alltagslebens möglich. Nicht nur durch dieses Stück ließ sich das Publikum zu Standing Ovations hinreißen. Im Bombardement perfekter chorischer Sprache und Bewegung, bis hin zum Tanztheater, und einer manchmal auch überbordender Beamer-Bilderflut von mehrheitlich Oberstufenschülern zeigten sich auch zwei Unterstufengruppen sehr erfrischend. Im hessischen Beitrag marschierten herrlich überspitzt dargestellte Professoren über die Bühne und untersuchten, was denn genau Sprache sei, wie und wo sie entstand und wie sie funktioniert. Ach ja, ein kleines Schmankerl zur politischen
Großwetterlage: Sprache entstand in Afrika und kam dann mit den ersten Migranten auf unseren Kontinent.
Heftige Diskussionen löste dann der Beitrag des Spohn-Gymnasiums aus. Nahezu einstimmige Begeisterung bei den jugendlichen Zuschauern, weil sich diese Theater-AG etwas traute. Auf der Suche nach Bedeutung im Leben steigert sich die dargestellte Gruppe immer mehr in einen radikalen Rausch, in dem Bedeutung erst dann bedeutsam ist, wenn sie wehtut, was man eben auch zeigt. Und so trägt eine Figur gemäß der Romanvorlage den Sarg mit ihrem Bruder auf die Bühne und es fällt  sehr (zu?) realistisch dargestellt ein Finger unterm Beil. Chorische Sprache wird hier zu kollektiver Wucht; die Gruppe ist bereit alles zu geben für ihr Ziel, wodurch das Stück zur Parabel für all die Ziele wird, die man erreichen möchte, koste es, was es wolle. Dann aber durchaus auch Kritik bei den Erwachsenen. Wo bleibt da die Lehre, wenn am Ende nur Leere steht? Was hat denn nun Bedeutung? Warum bleibt die Gruppe hier die Antwort schuldig? Bewusst hat sich die Gruppe jedoch entschieden, diese Antwort offen zu lassen. Im Theater möchte niemand einen erhobenen Zeigefinger in Form eines Hashtags im Stile von „#Habt euch alle lieb“ eingeblendet sehen. Wenn der Zuschauer aus dem Theater geht und sagt:
„Das muss aufhören“, hat die Gruppe eben genau das erreicht, was Bertolt Brecht verlangte, als er dem Illusionstheater abschwor, als er verlangte, sich nicht mit den Charakteren auf der Bühne zu identifizieren.
Viel zu schnell zog diese Woche des Theatersturms vorbei und alle waren sich bewusst, eine ganz besondere vielleicht einmalige Erfahrung gemacht zu haben. Dass die Theatergruppe nach 2010 jedoch bereits zum zweiten Mal beim Schultheater der Länder antrat, zeugt nicht nur von hervorragender Theaterarbeit, sondern macht auch Hoffnung auf eine weitere Wiederholung, vielleicht nächstes Jahr in Potsdam.

frei nach dem erfolgreichen Jugendbuch von Janne Teller

in einer eigenen Bearbeitung der Theater AG des Spohn-Gymnasiums

 Plötzlich steht einer in der Klasse auf und behauptet: „Nichts bedeutet irgendetwas. Deshalb lohnt es sich auch nicht irgendetwas zu tun!“, und verlässt die Schule. Pierre Anton verwirrt und verstört seine Freunde mit seiner Ankündigung, sich jetzt dem Nichts hinzugeben und nur noch in einem Pflaumenbaum zu sitzen. Mit Argumenten kann man ihn nicht vom Gegenteil überzeugen, da der Mensch tatsächlich nur 80 Jahre lebt und davon ein Drittel verarbeitet, ein Drittel verschläft und vorher und nachher eine Ewigkeit tot ist. Von nun an versuchen alle Pierre Anton praktisch klarzumachen, dass es doch Bedeutung im Leben gibt. Doch was hat Bedeutung? Der Brautstrauß einer Braut, deren Ehe schon wieder geschieden ist? Ein vergilbtes Photo der Familie? Der erste Computer? Oder kann man die Bedeutung einer Sache daran messen, wie sehr erst deren Verlust schmerzt?

Mehr und mehr steigert sich die Gruppe in ihre Versuche hinein, Bedeutung in ihrem Leben nachzuweisen. Sie sammeln bedeutsame Dinge und fordern gegenseitig Bedeutung ein. Immer mehr eskalieren die Versuche Pierre Anton davon zu überzeugen, dass das Leben eben nicht sinnlos ist. Dabei muss nicht nur der putzige Hamster dran glauben oder das eigene Fahrrad hergegeben werden. Bedeutung wird zur neuen Religion, der man sich unterordnen muss, koste es, was es wolle. Die Figur des Pierre Anton entwickelt sich dabei allmählich zu einer fixen Idee, die von jedem Besitz ergreift, bis man sie kaum noch loswerden kann, da sie Teil der Persönlichkeit geworden ist.

Und was, wenn man sie oder ihn dann doch loswerden will?

Dunkel. Dunkler. Grabesdunkel.

 Mittwoch, 27.4.2016, 19 Uhr

Donnerstag, 28.4.2016, 19 Uhr

Eintritt: 7 €, ermäßigt: 4 €

Es spielen

Rosalie Gietl (8a); Valerie Philippi, Carlotta Sperl (8b); Lena Reich (9a); Salina Bauer (9b); Luka Hipp, Florine Pankow, Jenni Fetscher, Nina Nürnberger, Teresa Schindler, Arp Studemund (10a) & Jannik Heinzler (12)


Nichts vor ausverkauftem Haus

Am 27. & 28 April füllte die Theater-AG des Spohn-Gymnasiums das Theater Ravensburg mit ihrer eigenen Bearbeitung des dänischen Jugendbuches „Nichts, was im Leben wichtig ist“.

Wie überzeugt man einen, der sich vehement weigert, einen Sinn im Leben zu sehen, und von nun an nur noch im Pflaumenbaum sitzen möchte? Eine Schulklasse macht sich auf den Weg oder begibt sich eher in die Tiefen eines verstörenden Alptraumes, um Bedeutung im Sein nachzuweisen.

In eindringlichen, aber auch grenzwertig verstörenden Bildern durchleben zwölf junge Menschen die Abgründe der fanatischen Psyche. Überzeugend durchdacht erweist sich dabei die mutige Regieidee, die eigentlich im Baum sitzende Hauptfigur nicht durch einen Schauspieler zu verkörpern, sondern durch alle. Immer wieder schlüpft die gesamte Gruppe in die Figur dieses Pierre Anton, dessen fixe Idee wie ein böser Geist wiederholt von jedem einzelnen Besitz ergreift. Die Gruppe spricht Pierre Antons Passagen präzise im Chor, bewegt sich synchron und bündelt die Kraft des Theaterchores zu wabernden Klangteppichen oder einer bild- und stimmgewaltigen, beinahe greifbaren Wucht. Der Zuschauer spürt, wie Pierre Anton immer mehr Teil und Obsession der einzelnen Charaktere wird. Bei den konkreten Versuchen, Bedeutung und letztendlich Sinnhaftigkeit nachzuweisen, bleibt es nicht lange bei halbherzigen Versuchen, zweitrangig Materielles wie ein Fernrohr oder eine alte Geige aufzuschichten. Auf dem sogenannten Berg der Bedeutung, der auf der Bühne aus handelsüblichen EPA-Paletten besteht, landen bald ganz andere Dinge. Ein kleiner langsam dahinsterbender Hamster macht nur den Anfang einer wahrhaftigen Tour de Force. Dabei entsteht ein unwiderstehlicher Gruppenzwang, dem sich der Einzelne unterordnen muss. Bedeutung wird zur Religion. „Auf den Berg, auf den Berg!“, lautet das Motto, wobei Bedeutung bald daran gemessen wird, wie sehr deren Verlust schmerzt, und dann muss der Nächste mehr opfern. Umringt von Kreuzen schwingenden Figuren, verteidigt Elise den Sarg ihres kürzlich verstorbenen Bruders; die fromme Kai wird ans Kreuz genagelt und auf dem Berg der Bedeutung aufgestellt; Sofie verliert an Hans ihre Unschuld, nur um dann dem Hund Aschenputtel den Kopf und später Jan Johann den Finger abzuhacken.

Die im Folgenden blitzlichtartig auftretenden Erwachsenen entpuppen sich als Karikaturen. Möchte man zunächst pädagogische Ich-Botschaften platzieren oder pädagogische Keulen auspacken, besinnt man sich schnell eines Besseren, als plötzlich Shows und Museen aus den USA die Sache ausschlachten wollen. Der Psychologe wird dabei eine neue Abkürzung etablieren, die Schule steigende Anmeldezahlen verzeichnen und die Jugendlichen selbst den Berg verkaufen können.

Pierre Anton kann darüber nur lachen. Und genau das besiegelt sein Ende. Nach abstrakten Darstellungen von Gewalt und Schmerz erscheint sein Ende anmutig. Der Berg der Bedeutung brennt, indem das Ensemble das Bühnenbild exakt choreographiert mit roten Tüchern umhüllt.

Wo bleibt nun die Moral, wo bleibt die versöhnliche Einsicht, was denn nun etwas bedeutet. Muss das Schultheater jetzt eine Lehre liefern, die man sich einpacken und an die Wand hängen kann? War das zu viel für ein Stück, gespielt von Jugendlichen? Sollte man das besser lassen? Manche mögen hier vielleicht „große Kunst“ sehen, andere finden vielleicht die eine oder andere Grenzüberschreitung. Hatten die Dänen zunächst Recht, als sie dieses Buch auf den Index setzten oder hatten sie am Ende Recht, als sie es sich anders überlegten und dieses Buch auszeichneten? Aber halt! Wir sind auch noch im Theater und hier darf man das, hier muss man das.

Vielleicht gibt es dann doch etwas, das man neben der überragenden schauspielerischen Leistung, der authentisch dargestellten Verzweiflung und der Kraft des Ensembles mitnehmen kann:

„Mit der Bedeutung ist nicht zu spaßen, aber macht das Beste draus!“

(Vi)

Plakat_1Rezension

Theater-AG des Spohn-Gymnasiums begeistert mit gelungener Faust-InszenierungTeufelinnen

Man kennt es, da hadert einer an entscheidender Stelle im Leben, ob denn das alles gewesen sei. Zwar erscheint einem dann nicht gleich der Teufel, der einem einen Pakt anbietet, aber was unsere Existenz ausmacht und ob da noch etwas kommt, fragt sich nicht nur Faust. Bis auf wenige kleine Aktualisierungen hielt sich die Theater-AG des Spohn-Gymnasiums an Goethes Original, begeisterte und verblüffte mit ihrer spritzig frechen Interpretation des großen Klassikers in nahezu ausverkauftem Theater Ravensburg.

In dieser Aufführung ist ein Faust aber einfach nicht genug. Drei Fäuste sehen sich drei Mephistas gegenüber, denn der Teufel ist im Faust immer öfter weiblich. Gekonnt teilen sich die Schauspieler Monologe, aber auch einzelne Szenen auf und es entsteht eine zutiefst gespaltene Persönlichkeit. Der hadernde Faust, der vor der Vergeblichkeit seiner Anstrengungen am ehesten verzweifelt. Der gelehrte Faust, dessen geistige Ergüsse  selbst dem Teufel auf die Nerven gehen. Und schließlich der leidenschaftlich anarchische Faust, der sich jedem Genuss, sei es jetzt Party oder Tanz, sofort inbrünstig hingibt, so dass selbst Mephista immer wieder über ihn die Kontrolle verliert. So taumelt ein Faust viel zu früh in Gretchens Schlafzimmer, tanzt wie wild mit den Katzen in der Hexenküche oder dreht selbst bei seinem eigenen Monolog vollkommen durch. Anders Mephista: Ihr geht es gar nicht so sehr darum, die Wette mit Gott, der seinen Himmel übrigens auch nicht im Griff hat, sondern ihren Faust für sich zu gewinnen. Mephista ist in Faust verknallt und deshalb muss das arme Gretchen als Konkurrentin dran glauben.

Besonderes Augenmerk legte die Regie auf die Umsetzung der auch im Original angelegten Großszenen. In einem Strudel durchchoreographiertem, aber dennoch orgiastischem Chaos verlieren sich die Fäuste im Sog der Vergnügungen. Da kackt man sogar in den Hexenkessel und konsumiert auf dem Blocksberg Drogen. Geister und Hexen wirbeln umher und binden den am meisten empfänglichen Faust an einen stilisierten Marterpfahl, von wo aus ihm dann klar wird, dass er seine Geliebte in den Untergang reißt.

Unglaublich textsicher zeigen die jungen Schauspieler sichtlich Freude an der kunstvollen Sprache und hauen sich Goethes Sätze immer wieder regelrecht um die Ohren. Nicht nur die Faustdarsteller teilen sich ihre Monologe, sondern auch die teuflischen Verführerinnen übertreffen sich selbst in präziser Wechselrede.

Bildgewaltig und eindringlich präsentiert sich das Ensemble auch in den zahlreichen Chorszenen. Alle Mädchen wabern als Erdgeist durch Fausts Studierzimmer. In der Walpurgisnacht versuchen die Hexen den offensichtlich gespaltenen Faust weiter zu zerreißen und Geister wie auch alle anderen von Goethe angelegten Sprechchöre wirbeln abwechselnd über die Bühne.

Im Humor und dem ironischen Umgang mit Goethes Text liegt eine weitere Stärke dieser Inszenierung. Keines der geflügelten Zitate wie „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“ ist vor einem flapsigen Kommentar sicher. Und so bleibt dieser Faust zwar als nach wie vor großer Suchender in Erinnerung, aber eben auch als einer, der sich nicht so haben soll:

„So viel studiert und immer noch keine Ahnung.“ Es gibt Schlimmeres.

 

Stück: Inhalt

Der Mensch lernt und arbeitet und gelangt irgenFaust. Der Tragödie erster Teil.dwann zu dem Punkt, an dem er erkennt:

„Nun steh ich hier ich armer Tor und bin so schlau als wie zuvor.“ Und was dann? Einfach weitermachen, darauf warten, dass irgendwann etwas passiert, in Sarkasmus verfallen und weiter die Untergebenen an der Nase herumführen oder die besondere Chance nutzen, die sich vielleicht nur einmal bietet, wenn sie einen auch in den Abgrund führen kann? Zumindest hat man es dann versucht und muss sich nicht ewig fragen, wäre ich damals doch nur mitgegangen und hätte mich im unerträglichen Gefängnis des Alltages nicht gänzlich versklavt. Ja und genau das macht Faust und reißt damit in den Abgrund, vor dem es einen doch schwindeln sollte.

Goethes und vielleicht der deutschen Literatur größte Tragödie hat sich die Theater AG des Spohn-Gymnasiums in diesem Jahr vorgenommen. Dieses Mal nicht frei nach, sondern im Großen und Ganzen textgetreu haben sich die Schülerinnen und Schüler dieses Werk zu Eigen gemacht und ihm doch dabei ihre persönliche Interpretation verliehen. Faust, der große Suchende, geht dabei einen Pakt mit dem äußerst attraktiven Mephisto oder soll man sagen der äußerst attraktiven Mephista ein und bricht aus dem Gewöhnlichen aus. Was er gelernt hat und lehrt, ist doch so wenig nützlich wie so mancher Stoff der gymnasialen Oberstufe, sollte man meinen. Was liegt da näher als der personifizierten Versuchung an entscheidender Stelle in Aussicht zu stellen: „Werd ich zum Augenblicke sagen, verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen.“ Und Faust macht sich von nun an auf die Suche nach dem perfekten Moment und spricht vielen Jugendlichen aus der Seele, die eben auch den einen Augenblick gerne festhalten mögen, der doch immer wieder so schnell vergeht. Dass Faust sich dabei den schon beinahe klischeehaften Versuchungen der Jugend hin-oder eben nicht hingibt, liegt tatsächlich auch im Kern von Goethes Klassiker, was ihn eben auch zu einem Stoff macht, den man bereits vor der Oberstufe greifen oder begreifen kann.

Manchmal unkonventionell, manchmal ironisch, manchmal auch ein wenig respektlos, wenn wieder ein tolles Zitat kommt, das man doch irgendwo schon einmal gehört haben will und dann an entscheidender Stelle nicht ganz wortgetreu wiedergeben kann, präsentieren die zwölf Schüler der Mittel- und Oberstufe des Spohn-Gymnasiums ihren Faust oder soll man sagen ihre Fäuste, denn in dieser Inszenierung ist tatsächlich ein Faust nicht genug.

Theater Ravensburg

Montag, 27.4.

Dienstag, 28.4.

Jeweils 19 Uhr

Eintritt: Erwachsene 8,70 €, ermäßigt 5,40 €

Bei Vorreservierung über Herrn Villa oder über den Klassenlehrer nur  4,- € (ermäßigt).

  

 

 

 

 

eine schwarze Komödie voller turbulenter und überraschender Wendungen

von Barbara Peters

aufgeführt von der Theater AG des Spohn-Gymnasiums

Vorführung am: 7. & 8. April 2014 um 19 Uhr im Theater Ravensburg

 

 


 Man stelle sich vor, da soll ein älterer wohlhabender, zudem auch noch adliger Herr langsam, aber sicher das Zeitliche segnen und dabei nicht unerhebliche Sach- und Geldwerte hinterlassen. Neben der zu erwartenden, tief empfundenen Trauer stellt sich bei den Angehörigen durchaus die Hoffnung auf einen gehörigen Batzen des zu erwartenden Erbes ein. Man will ja schließlich auch leben. Was fällt dem leider doch noch sehr rüstigen Herrn da ein, als er ausgerechnet eine junge gut aussehende Dame zu ehelichen gedenkt, die dann selbstredend  einen erklecklichen Betrag seines Vermögens für sich wird beanspruchen können? Zudem besitzt er noch die Frechheit seine ganze Familie zur Verlobung einzuladen. Da muss man schlicht und ergreifend selbst aktiv werden und gewisse Prozesse beschleunigen.

Und so findet sich bei Graf Horsts Verlobung mit der reizenden Französin Chantal langsam eine Familie ein, die skurriler kaum sein könnte: Die Emanze Sigrun Sturm versucht sich wiederholt der nicht vorhandenen Annäherungen des Gigolos Francesco zu erwehren und dabei das gesamte männliche Geschlecht zu eliminieren. Professorin Brothaare Kuchenbäcker hat zu Eliminierungszwecken gar eine hydraulische Enthauptungsmaschine erfunden, die ihre Tochter zu gerne an allem, was da kreucht und fleucht ausprobieren möchte. Die Dirk hat zu seinem Geschlecht eine ganz persönliche Auffassung, während der bemitleidenswerte Karl-Heinz unter der Last seiner Ehe mit der kompromisslosen Amalie ständig zusammenzubrechen droht.

Wie gut, dass dieser wenig kompetenten Mordgesellschaft magischer Beistand zuteil wird, denn alleine schaffen sie es irgendwie nicht, ihren vermögenden Grafen ins Jenseits zu befördern.

 Aufführung der Theater AG im April, 2014 im Theater Ravensburg

 Das Genre der Komödie ist von der Theater AG bisher sträflich vernachlässigt worden. Immer ernster wurden die Stücke, bis im letzten Jahr dann beinahe oder tatsächlich die Welt unterging und sich die Schauspieler dabei auch noch sichtlich wohl fühlten. Nach etwas Lustigem, Leichten stand allen Beteiligten zu Beginn der letztjährigen Probenphase der Sinn. Allerdings kann ein guter Witz schon schwer genug sein, geschweige denn eine ganze Komödie, also eine Ansammlung von guten Witzen, die dann auch noch in eine Handlung verwoben werden muss. Erst einmal in den letzten elf Jahren hat sich die neue Theater AG an eine Komödie gewagt, was allerdings bis ins Jahr 2006 zurückreicht. Die Erinnerungen an die gelungene Aufführung von Shakespeares „Wie es Euch Gefällt“ waren folglich mehr als verblasst. Und gerade deshalb sollte es heuer ein Lustspiel sein.

Mit dreizehn spielwütigen Schauspielern musste es einmal wieder ein Stück sein, in dem man alle gut beschäftigen konnte. Gut, dass vor diesem Problem wohl schon die eine oder andere Theater AG vor uns stand, denn es hat sich in den letzten Jahren in der deutschen Schultheaterlandschaft ein junger Klassiker etabliert, der aus diesem Problem eine Tugend macht. In der Erbschleicherkomödie „Leben sie noch, oder erben wir schon“ treffen die skurrilsten Typen einer ganz besonders reizenden Familie zur Verlobungsfeier beim alternden Graf Horst im hintersten Bayern ein. Reizend deshalb, weil keiner dem rüstigen Grafen seine junge und äußerst attraktive Frau gönnt, da die im Falle seines allzeit erhofften Todes doch das ganze Erbe abschöpfen wird. Und alle dürfen sich darüber groß und breit aufregen, jeder hat also genug zu tun.

Nicht umsonst betitelte die Autorin die einzelnen Passagen des Stückes mit „Klischees“. Und das Bühnenensemble gab alles, um jedem einzelnen Klischee auch gerecht zu werden. Sei es der empörte Gigolo, Francesco, der natürlich das hübsche französische Häschen des Grafen gerne für sich hätte, die verrückte Professorin, deren Tochter Püppi nichts lieber sieht als rollende Köpfe und zerfetzte Stofftiere – mangels lebender Exemplare. Die verklemmte Emanze, mit ihrer entrückten Freundin. Letztere verliebt sich prompt in den schusseligen Kommissar. Oder der bemitleidenswerte Karl-Heinz, der nur im Alkohol der Fuchtel seiner Frau sowie den Ansprüchen seiner hibbeligen Töchter entkommen kann. Ein mysteriöser Zauberer, der die ganze Gesellschaft endgültig aus den Fugen hebt. Und nicht zuletzt die oder der beeindruckende Dirk, die oder der in Frauenkleider so manchem Mann, aber auch Frau den Kopf verdreht.

Das Publikum amüsierte sich köstlich, wie der Transvestit Dirk alias Jannik Heinzler, immer wieder gekonnt seine überzeugende Weiblichkeit – auf schwindelerregenden und wohl auch zu engen Pumps – zum Besten gab. Auch Barbesitzer Francesco (Paul Stöckert) vermochte es kaum, sich diesem vereinnahmenden Wesen entziehen. Er konnte einem beinahe Leid tun, wie sein Draufgängertum immer wieder scheiterte, sei es an den resoluten Angriffen der empörten Emanze Sigrun (Saskia Bußjäger) – Vorsicht! Anti-Männer-Spray - oder eben an Dirk, die / der ihn immer wieder in alles einwickelte, was Ösen hatte.

Auch Arp Studemund, der als unterdrückter Ehemann, Karl-Heinz, stets zu überzeugen wusste, ging in seiner ersten Rolle gekonnt mit dem Genre der Komödie um, indem er bspw. die Tiraden seiner Frau (Marietta Rezbach) als unsichtbare Stromschläge widerspiegelte. Kein Wunder, dass man da alleine an der Bar endet, seiner Frau allerdings trotzdem die Treue bekundet.

In ihrer letzten Rolle für die Theater AG des Spohn-Gymnasiums gefiel Selina Schuster als konfuse, jedoch äußerst pragmatische Erfinderin einer Kof-ab-Maschine. Und wenn man eine derartige Erfindung schon zur Hand hat, warum sie nicht gleich an der möglichen Erbin ausprobieren? Allerdings fielen dann doch eher Kaskaden von Fremdwortungetümen als beabsichtigte Köpfe. „Ich habe sie auf der Grundlage der physikalischen Biohydraulik konstruiert. Faktoren wie Gravitation, Expansion, Erosion und Konfusion habe ich natürlich alle berücksichtigt. Auch die Auswirkungen der Konfession wurden beachtet.“ Das muss man erst einmal unfallfrei hinbekommen. Weg muss das französische Häschen trotzdem.

Mit dem Morden ist es aber nicht so einfach und schon gar nicht in einer Komödie. Daher vergiften sich die verhinderten Attentäter mit dem Anti-Männer-Spray Sigruns beinahe gegenseitig und werden dabei noch von dem geheimnisvollen Zauberer beobachtet, der zuvor aus einer Irrenanstalt ausgebrochen ist. Jonathan Pfizenmeier brilliert hier insbesondere im Zusammenspiel mit der makaberen Püppi (Florine Pankow), aber auch wenn er das gesamte Bühnenpersonal in einer der wenigen surrealen Szenen, für die die Theater-AG des Spohn-Gymnasium eigentlich bekannt ist, wahlweise in Kürbisse oder Phantasiefiguren verwandelt. Diabolisch versucht er, sich in der Erbschleichergesellschaft einen Vorteil zu verschaffen. Seine angebliche Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen, wird ihm dann jedoch zum Verhängnis. Hat er nicht all die vorherigen Mordpläne belauscht? Dann muss er mit dem Kerzenständer ins Jenseits gebracht werden! Und eben in dieser Mordszene zeigt das Ensemble, dass es sowohl Komik als auch Choreographie miteinander vereinbaren kann. In einer Polonaise nähert man sich langsam aber kontrolliert zur eingespielten Musik den Opfern (denn Francesco würde viel Lieber Graf Horst ermorden, der doch unverdienterweise diese französische Schönheit abbekommen hat) und erledigt dann doch nur den Magier.

Im Grande Finale muss schließlich nur noch der Mord aufgeklärt und das überraschende Testament eröffnet werden. Erst jetzt kommt der bewährte Leo Röcker, der erst vier Wochen vor der Aufführung zur Gruppe stieß, als Kommissar Hugo Taschenbuch zum Einsatz (womit die vierzehn Spielwütigen komplett wären) und verliebt sich prompt in Sigruns verhuschte ältere Schwester Sybille, die man bis dato kaum wahrgenommen hat. Der Blitzstrahl der Liebe trifft beide sofort und insbesondere Felice Grubert als Sybille, emaniert die sie überwältigenden Gefühle derart überzeugend, dass die Bühne  kurzzeitig in ein besonders warmes Licht getaucht wird. Da fällt es als gewissenhafter Beamter besonders schwer, seiner Pflicht nachzukommen und tatsächlich auch ein Verbrechen aufzuklären. Leo Röcker versteht es dabei hervorragend, die inhärente Unfähigkeit des Kommissars mit einem Schuss verbeamteter Überheblichkeit zu mischen und genau damit das Publikum nachhaltig zum Schmunzeln zu bringen. Ach ja, und da er ja nur den ausgebrochenen Irren dingfest machen soll, wollen wir es mit dem Kapitalverbrechen nicht zu eng sehen. Der Zauberer könnte ja wirklich nur gestolpert sein, wie Karl-Heinz’ Tochter Paula glaubhaft versichert. Viel wichtiger ist ein Erinnerungsphoto, auf dem der geniale Gesetzeshüter über dem entflohenen Straftäter triumphiert.

Schließlich lohnt immer ein Blick auf die Statisten, denn jeder der 14 Hauptdarsteller agiert im Schlussklischee eben auch im Hintergrund. Nicht aufdringlich, aber stets der Rolle verschrieben, spielen alle  Schauspielerinnen und Schauspieler weiter, selbst wenn sie keinen Text haben. Püppi versucht ständig Sigruns Meerschweinchen zu töten, während die Dirk ständig nicht bei Francesco landen kann, der überzeugend betrunkene Karl Heinz ist um Fassung bemüht, während seine Töchter (Fabienne Kerler und Mia Hochmann) ihren Ekel vor dem omnipräsenten Bücherregal kundtun (Oh mein Gott, ein ganzes Bücherregal, mit Büchern!), und darüber strahlt das Liebespaar um die Wette.

Dass am Ende alle nur Schrott erben, war zu erwarten. Allen Erbschleichern muss schließlich und endlich ihre gerechte Strafe in Form einer Schenkung widerfahren, was dauern kann. Da ist alles Aufhebens vergeblich gewesen, denn Lord Horst (Claudius Keldenich) ist schlicht zu rüstig, um zu vererben und nennenswerten Besitz hat es sowieso nie gegeben. Lediglich die französische Geliebte (Hannah Madlener) bringt die klischeebehaftete Insel mit in die Ehe, auf die sich das glückliche Paar zurückzieht. Neben den glücklichen Liebespaaren, denn als Grundprinzip der Komödie soll jeder Jack immer seine Jill bekommen, ist nur noch Karl-Heinz zufrieden. Er hat nicht nur den Weinkeller geerbt, sondern kann endlich auf eine friedliche Frau herabblicken. Die ist angesichts des erbärmlichen Gesundheitszustands der vermachten Pferde kurzerhand in Ohnmacht gefallen. Na denn Prost!

Eine Eigenproduktion der Theater AG des Spohn-Gymnasiums

Zum Stück:

Da sind wir also am 22.12.2012 einfach so aufgewacht und dachten: „Mist, den Weltuntergang schon wieder verschlafen. Aber das war doch eigentlich klar.“
Für diesen doch vorhersehbaren Fall hat sich die Theater AG des Spohn-Gymnasiums ein Stück ausgedacht, in dem die Apokalypse vielleicht nicht in letzter Konsequenz durchexerziert wird, sondern jede beteiligte Figur eher mit ihrem eigenen Untergang bzw. mit ihrer eigenen kleinen Schuld am großen, möglichen Untergang konfrontiert wird.

Jeder verkörpert durch seine Verfehlungen eine der sieben Todsünden und versucht tatkräftig, einen Grund zu liefern, dem allen hier ein Ende zu bereiten.

Da knirscht es im persönlichen Gebälk eines 13-köpfigen Ensembles, das sich in verschiedenen Konstellationen immer wieder über den Weg läuft und dabei den Eindruck vermittelt, dass es so tatsächlich nicht weitergehen kann: die gelangweilte Neureiche, welche buchstäblich nach Ventilen sucht, um ihren latenten Rassismus ausleben zu können; der korrupte Polizist, welcher seine Autorität dazu ausnützt, um seine Triebe zu befriedigen, aber eben auch seiner drogenabhängigen Schwester helfen will; die Versicherungsangestellte, welche in ihren Vorschriften gefangen ist und dann eben auch einmal einen über die Klinge springen lassen muss, wenn die Versicherungspolice eine Entziehungskur eben nicht abdeckt; die Kleinfamilie, deren Tochter scheinbar auf die schiefe Bahn gerät und dann Hilfe bei einem Pfarrer sucht, der ihr mehr als das Seelenheil biete; das Gangsterpärchen, welchem das Wasser schon bis zum Hals steht und genau deshalb noch alles mitnehmen will; die erfolgreiche Anwältin, welche einem gerne hilft, wenn das Honorar stimmt, einem ansonsten jedoch die Tür weist.

Alle rufen eine geheimnisvolle Gesellschaft für den Untergang auf den Plan, deren vordergründige Absicht, den Menschen mit fragwürdigen Methoden zur Besserung zu bewegen, ein Resultat bewirkt, das uns wünschen lässt, den Weltuntergang doch nicht verschlafen zu haben.

 Das Schuljahr 2012 / 2013 war für die Theater AG ein besonderes. Zum einen ging sie nach einer längeren Pause um die Jahrtausendwende in ihre zehnte Spielzeit, sollte also ein nicht beachtetes Jubiläum feiern, zum anderen wusste sie (wie jedes Jahr) einmal wieder nicht, ob sie ihren (runden) Geburtstag überhaupt erleben sollte. Galt es nicht wieder einmal ein Stück zu inszenieren, das es noch gar nicht gab? Musste man nicht wieder mit der Ungewissheit leben, dass die einzelnen Ideen evtl. gar kein großes Ganzes ergeben könnten. Viel schwerwiegender war jedoch der Gedanke, dieses Ziel überhaupt nicht erreichen zu können, denn…war da nicht etwas? Genau, den Aufführungstermin konnte man eigentlich nicht erleben, da er jenseits des allgemein erwarteten Weltuntergangs lag, jenseits des 21.12.2012. War da nicht jegliche Anstrengung und Mühe vergebens, vanitas mundi zum Greifen nahe? Was lag also näher, als aus der Not eine Tugend zu machen und eben jenen unvermeidlichen Weltuntergang zum Gegenstand der bereits im Jenseits liegenden Aufführung zu machen? Auf dieses Thema konnte sich die Gruppe schnell einigen, auch die Ideen sprudelten: Zusammenbrechen von Kommunikation und staatlicher Ordnung, Mangel am Notwendigen, das Recht des Stärkeren und der Kampf ums nackte Überleben, einstürzende Neubauten und aufreißende Erdspalten. Da der Intendant des Ravensburger Theaters zu Letzterem seinen Tanzboden doch nicht hergeben würde, musste aber eine andere Lösung gefunden werden, eine kleinere, eine menschlichere, eine zwischenmenschliche.

Wie sieht also der persönliche Weltuntergang aus, was könnte der Einzelne verbrechen, um Situationen entstehen zu lassen, die uns die Gewissheit näher bringen, dass es so eben nicht weitergehen kann? Um diese Frage zu beantworten, entstanden zunächst unterschiedliche, teilweise bewusst klischeehafte Figuren, deren charakterlicher Fehler zu Eskalationen auf eben zwischenmenschlicher Ebene führt. Nahezu jede Person sollte im Zuschauer, ganz nach Brecht, den Gedanken auslösen:

„So darf man es nicht machen. ‑ Das ist höchst auffällig, fast nicht zu glauben. ‑ Das muss aufhören. ‑ Das Leid dieses Menschen erschüttert mich, weil es doch einen Ausweg für ihn gäbe“.

Und dann passte auch plötzlich eine Idee aus der anfänglichen Ideenquelle, nämlich die Sieben Todsünden: Superbia – Stolz, Avaritia – Geiz, Luxuria – Wolllust, Ira – Zorn, Gula –Völlerei, Invidia – Neid, Acedia  - Trägheit. Der langsam wachsende Reigen hatte nun das Ziel, diese menschlichen Hauptlaster in verschiedenen Begegnungen in Szene zu setzen.

Um in diesen teilweise erratischen Konstellationen den roten Faden nicht zu verlieren, erwuchs schließlich noch eine dramaturgische Klammer. Wem außer der großen kosmischen Gerechtigkeit nützt denn so ein Weltuntergang, bzw. wer kann im Vorfeld daraus Gewinn schlagen? Da muss man nicht die Offenbarung des Johannes lesen. Viele Sekten gründen ihr Selbstverständnis auf dem bevorstehenden Ende, auf das sie ihre Anhänger vorbereiten. „Die Gesellschaft (zur Verhinderung) des Weltuntergangs“ ging also davon aus, dass es ein Leichtes sei, gewöhnliche Menschen vom sich abzeichnenden Tag der Abrechnung zu überzeugen, dem man nur dann entkommen kann, wenn man sich ihrer Organisation anschließt. Grundlage für das angekündigte Ende ist tatsächlich die Lasterhaftigkeit der Menschen, derer man sich bewusst werden und die man dann überwinden möge. Was die Sekte letztendlich will, wird nie ganz klar, ist für diese Art Organisation jedoch nicht ganz ungewöhnlich. Letztendlich geht es darum, den Mensch von seiner Fehlerhaftigkeit zu überzeugen, dies in einen größeren, wirklich kosmischen(?), Zusammenhang zu stellen, woraus ihm nur der neue Glaube retten kann. Na ja, sie wollen wohl doch nur unsere Seele, zumindest unser Geld.

Am Schreibtisch sowie über sowohl freie als auch gesteuerte Improvisationen und Theaterübungen entstanden zahlreiche Szenen, die oft verworfen, nicht selten dann jedoch auch wiederholbar und verschriftlicht wurden und für den bevorstehenden Weltuntergang und somit die Nachwelt erhalten blieben.

Und plötzlich, inmitten der allgemeinen Probenphase, oder sagen wir eher in der Mitte des Schuljahres, wachte man eines Morgens auf und hatte  zumindest die große kosmische Abrechnung verpasst. War der prophezeite Weltuntergang tatsächlich schon wieder ausgefallen. Gut, dass man den theatralischen wenigstens noch im Petto hatte, und der sollte nun endgültig auf Mai 2013 festgelegt werden.

Die Festlegung einer Schultheateraufführung Monate im Voraus vermittelt dem Verantwortlichen in diesem Zusammenhang durchaus das Gefühl eines bevorstehenden Untergangs. Das Stück existiert noch nicht einmal, aber der Termin wird schon unwiderruflich im Programmheft abgedruckt. Da wünscht man sich doch wirklich manchmal eine höhere Instanz, die einem zumindest die Welt untergehen lässt, damit ein kleines Scheitern nicht ganz so auffällt. Obwohl man als Spielleiter diese Befürchtungen oft hegt, ist es dann doch immer wieder faszinierend, zu welcher Energieleistung und zu welcher Motivation alle Beteiligten, also insbesondere die Schülerinnen und Schüler, fähig sind, wenn es dann gilt, die Theaterwelt zu retten. Einen ungewohnten Beistand erfuhr die Theater AG in diesem Jahr im Kloster Ochsenhausen, wo dem Stück der vorletzte dramaturgische Schliff verliehen wurde. Gegen Ende einer sehr intensiven Probenzeit verfügte die Gruppe dann sogar über einen Überschuss an Szenen, sodass die eine oder andere wieder gestrichen werden musste.

Und schließlich nach dem letzten durchprobten Wochenende erfolge im Theater Ravensburg endlich der lang ersehnte Tag der Abrechnung… und begann mit einer Publikumsansprache vor dem Vorhang: Die Zuschauer sollten sich gleich einmal in die Problematik hineinversetzen und sich vor dem bevorstehenden Untergang einmal selbst fragen, wie oft sie schon „die Katze des Nachbarn über den Zaun getreten“ hätten oder welche Leichen es sonst noch im Keller zu finden gebe.

In einer anschließenden Szenenkaskade etablierte das Bühnenpersonal sich selbst und besonders seine Laster. Dass das Publikum nicht jedem sofort folgen und nicht jede Todsünde sofort wahrnehmen konnte, mag für den einen oder anderen tatsächlich verstörend gewesen sein, mag den Zuschauer auf Distanz zu den Figuren gehen lassen, aber genau das soll er tun, denn „das ist höchst auffällig“.

Wenn sich dann die Szene verlangsamt und sich der Blick auf die Sektenführerin und den brillanten Karl Peterson alias Leo Röcker richtet, wird eine der Stärken des Stückes offenbar. Sowohl die improvisierten als auch die sorgsam verfassten Szenen weisen einen subtilen bis sarkastischen, manchmal gar brutalen Sprachwitz auf, den die Schauspieler sichtlich genießen. „Stellen Sie sich vor, dass die große kosmische Gerechtigkeit einen kleinen Krümel vergessen hätte und dass wir uns eben auf diesem Krümel befinden…“ fragt Karl die allerdings wenig beeindruckte Sektenführerin. Man ist beinahe geneigt sich umzusehen und sich zu vergewissern, ob der eigene private Krümel evtl. nicht auch übersehen wurde. Auch kann man sich gerade noch beherrschen, sein Etikett nach dem „Made in…“ zu überprüfen, wenn der vollkommen aufgebrachte Herr Vaskes (Claudius Keldenich) erzürnt eine Spendensammlerin anfährt: „Was glauben Sie, wie viel mein T-Shirt kostet, wenn die Bangladeshis plötzlich Geld für ihre Arbeit wollen, oder mein Steak, wenn jedes Schwein seinen persönlichen Käfig bekommt.“ Seine verirrte Tochter, Juanita Vaskes (Fabienne Kerler) hingegen, räumt mit zu viel psychologischem Verständnis der elterlichen Generation auf, indem sie ihrer übertrieben verständnisvollen Mutter (Teena Chirakal) entgegenwirft: „Bin ich ein Hund, der dir automatisch den Tisch vollsabbert, wenn ihm eine Glocke das Essen einläutet, bleib mir weg mit der Psychokacke.“

Sehr überzeugend gelingt es den Schauspielern, auch wenn man es vielleicht erst beim zweiten Hinsehen bemerkt, die sieben Todsünden darzustellen. In immer neuen Konstellationen steigern sich alle beteiligten in ihre Laster hinein und verstärken die auch selbst geäußerte Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann.

Schmunzelt man zunächst noch über das Wortgefecht der herrlich blasierten Pamela Perterson (Pia Rimmele) mit ihrem Ehemann Karl: („Eine Frau soll unsere Alarmanlage installieren, können die das?“), bleibt einem das Lachen schnell im Halse stecken, wenn sich ihr Hochmut in kaum verhohlenen Rassismus wandelt, als sie die Hautfarbe der Monteurin (Teena Chirakal) bemerkt. („Ich sitze hier, bin außer mir, weil mein Schmuck gestohlen wurde, und du bringst mir eine Ne…, eine Schw…., eine Farbige ins Haus und dann soll ich mich sicherer fühlen.“) Als sie der vollkommen apathischen Frau Vaskes am Ende gar hinterher steigt und sie im „Zoo betrachten“ will, ist man der Einhalt gebietenden Sektenführerin (Theresa Herrman) durchaus dankbar und geht ihr auch ein bisschen auf den Leim.

Jannik Heinzler gelingt es in seiner Doppelrolle als brutaler Dealer und wolllüstiger Pfarrer (das Resultat einer Rollenkartenimprovisation) gleich zwei Sünden zu personifizieren. Dem zunächst etwas tollpatschigen, ein wenig hilflosen Geistlichen möchte man zwar nicht seine persönlichsten Probleme und Sorgen offenbaren. Kann man als aufmüpfige Tochter aber seiner Mutter entkommen, geht man mit ihm zumindest auf ein Zeltlager. Und eben auf dem Weg dorthin, vorbei am wunderbar aufdringlichen Eiferer Karl Peterson, mittlerweile ist der nämlich auf seine ganz besondere Art Feuer and Flamme für die Gesellschaft, passiert es dann: Hinter vorgehaltenen Tüchern macht sich der verirrte Diener Gottes über das Mädchen her und gibt ihr zum Entsetzen der Zuschauer auch noch die Schuld.

Pfarrer: Jetzt weißt du, dass es in der Hölle doch nicht so toll ist.

Juanita: Alles Fleisch wird Gras.

Pfarrer: Wenn tatsächlich all die geilen Böcke über dich herfallen, wirst du dir wünschen, niemals den Namen des Herrn gelästert zu haben. Jetzt tue Buße und bekenne deine Schuld, du hast einen Diener Gottes zur Sünde verführt.

Juanita: Verzeih mir, ich habe gesündigt.

Die von Fabienne Kerler überzeugend dargestellte, vollkommen traumatisierte Juanita wendet sich deprimiert an den die Szenerie beobachtenden Theaterchor, um dann auch von dieser Warte Hohn und Schuldzuweisung zu erfahren. („Weißt du eigentlich, wie scheiße du aussiehst. Du ekelst mich an. Du hast nichts in deinem Leben erreicht, du hast nur zerstört.“)

Diese sehr präzise choreographierten Massen – und Chorszenen sind mittlerweile zum Markenzeichen der Theater-AG geworden. Auch in diesem Stück finden sich einige gelungene Passagen, in denen der Chor, also die Masse, sowohl dem Einzelnen, aber auch dem Thema mehr Kraft, Wucht und Nachdruck verleiht. So sieht sich die mit ihrer drögen Arbeit, aber auch den aufdringlichen Kunden überforderte Sachbearbeiterin, Frau Martinez (Saskia Bußjäger) plötzlich einer Aktenordner tragenden Masse gegenüber. Gleichgeschaltet wird in verschiedenen Bewegungsabfolgen ein Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars verlangt, bis die Sachbearbeiterin schließlich von Aktenordnern überhäuft die Nichtigkeit ihres Tuns einsieht und in der Sekte die Erleuchtung findet. Auch ihre Erleuchtungsszene wird von der Gruppe gekonnt inszeniert. Im Spalier stehend hackt das gesamte Bühnenpersonal die alte von Neid auf ihre ehemalige Freundin und erfolgreiche Anwältin (Sophia Wendling) und Minderwertigkeitskomplexen geprägte Persönlichkeit auseinander und schafft einen neuen, von der Gesellschaft erleuchteten Menschen, der sich begeistert in seine neue Aufgabe stürzt und nun für den Tierschutzverein sammelt. Dabei unterschätzt Frau Martinez allerdings den Geiz des Herrn Vaskes und landet getreten und geschlagen ganz schnell auf dem Boden der Tatsachen.

Dass es sich bei dieser merkwürdigen Gesellschaft um keinen altruistischen Verein handelt, wird nun klar. Auf dem Weg zum gefügigen Menschen sind das Versagen und die Erniedrigung der Person einkalkuliert und gewünscht. Sowohl die versehrte Frau Martinez, als auch die erniedrigte Frau Vaskes mit ihrer traumatisierten Tochter folgen den Rattenfängern (Theresa Herrmann und Lorena Heizer) mit den Worten: „So kann es nicht weitergehen, es ist gut, wenn das alles aufhört.“

Nur wenige Charaktere dieses Stückes verdienen neben der gedemütigten Frau Vaskes das Mitleid des Publikums. Eine zwiespältige Rolle verkörpert der Polizist (Paul Stöckert), der sich mit dem Dealer einlässt, um seine drogenabhängige Schwester Ria (Selina Schuster) vor Entzugserscheinungen zu bewahren, weil seine Versicherung eine Entziehungskur nicht abdeckt. In einer bewegenden Inszenierung von Kafkas Parabel „der Geier“ präsentiert uns Ria die Abgründe der Drogenhölle und auch eben der Gier: „Manchmal kann es direkt schön sein, wenn er sich an deinem Blut labt und deine Gedärme genüsslich verschlingt, es hat so etwas von Ende…“

Und schließlich das Ende, als Zorn und Trägheit aufeinander treffen. Gekonnt setzt Mia Hochmann in ihrer Rolle als die Freundin des Dealers, Angelina, die umfangreichste Regieanweisung durch die gesamte 20-minütige Schlussszene um: “… tritt im Verlauf der Szene auf und drapiert diverse Unterhaltungsmedien auf dem Schreibtisch, denen sie sich immer wieder in einer aufreizend langsamen Zurschaustellung von Trägheit hingibt. Hin und wieder streichelt sie einen Bildschirm, windet sich um einen Computer, stapelt Handys, untersucht das Telefonkabel“. Von dieser Acedia, deren Gleichgültigkeit im provozierenden „Schlag mich doch“ kulminiert, lässt sich der Dealer anstacheln und verprügelt seine ehemalige Freundin, sodass wir erleichtert zustimmen, wenn ihn die Sektenführerin mit den Worten zur Rechenschaft zieht:

Das Bild unserer Angst, wenn wir nachts durch die Straßen gehen und ihn sehen, ein kleiner Schauer, wir laufen an ihm vorbei, drehen uns nach ihm um, folgt er uns? Erleichterung. Und nun. Hat er jetzt gemordet? Eine kleine Sensation. Wir wollten es so und doch beschämt es uns. Stellen wir ihn vor Gericht. Er hat ein junges Mädchen halbtot geprügelt und jetzt wollen wir ihn richten. Was soll mit ihm geschehen? Wollen wir ihn nicht alle bluten sehen? Er soll genau das spüren, was er ihr angetan hat. Und dabei wollen wir zusehen. Wie er leidet, wie er schreit! Er wird leiden.

Verwundert reibt man sich dann die Augen, wenn er zum „ewigen Gutsein“ verurteilt wird, insbesondere wenn nun auch noch Herr Vaskes auf die Bühne stürmt und nach Bestrafung verlangt, denn er sei schlecht. Zu seiner Enttäuschung hört er nur die lapidare Abweisung: „Nehmen Sie sich nicht so wichtig.“

Das Stück steht in einer Reihe von Produktionen der Theater AG, die einen bedrückt entlassen. Doch dieses Mal verlässt man den Schauplatz gänzlich ohne Hoffnung, denn das Gute an sich entpuppt sich als  lächerliches Urteil, das dem Verbrecher als Strafe auferlegt wird und dem reuigen Sünder geringschätzig verweigert wird. Und genau deswegen ist dem Ensemble wieder ein bewegendes Stück gelungen, das exakt, mit viel Herzblut und einer unglaublichen Portion an Eigenmotivation gespielt wurde.

Ganz im Sinne von Brecht verlässt der Zuschauer das Theater mit den Gedanken.

„So darf man es nicht machen. ‑ Das ist höchst auffällig, fast nicht zu glauben. ‑ Das muss aufhören.“

Und so tritt er ins Freie und ist froh, dass diese Welt eine veränderbare ist und eben so einfach nicht untergeht.